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September 2020

| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Angst und die Dunkelheit. AVS Berge erleben 2020

By Beitrag
Beitrag erschienen in Bergeerleben 03/2020 des Alpenverein Südtirol

Die Psyche und die Nacht am Berg

Stell dir vor, du stehst alleine im Wald. Es ist dunkel und deine Pupillen sind geweitet, um das wenige, noch vorhandene Licht aufzunehmen. Du hast keine Taschenlampe dabei, auch kein Mobiltelefon, um Licht ins Dunkel zu bringen. Wie wird dein Körper und deine Psyche reagieren?

Mit Sicherheit wird dein Sehsinn, der durch die Dunkelheit wenig Information bekommt, vermehrt durch deinen Gehörsinn unterstützt. Auf einmal hörst du mehr und differenzierter als sonst. Du wirst spüren, dass dein ganzer Körper aktionsbereit ist. Deine Muskeln sind angespannt, dein Herz schlägt schneller und du bist bereit wegzulaufen oder anzugreifen.

Denn, was da im Dunkeln hinter dem Busch ist, ist ungewiss. Unsicherheit macht Angst. Die Fantasie ist meist schlimmer als die Realität.

Früher, bei den alten Griechen, war es mit der Angst deutlich einfacher. Da lag die Zuständigkeit für Angst beim Gott des Waldes und der Natur Pan. Ein Mischwesen aus Menschenoberkörper und Ziegenbock. Pan wurde von den Hirten verehrt, lebte im Wald und in den Bergen und liebte die Mittagsruhe. Wenn man ihn zu dieser Stunde störte, so konnte er sehr ungehalten werden und versetzte Schafherden in panischen Schrecken. Daher kommt der Begriff „Panik“ , welcher eine starke intensive Angst beschreibt. Übrigens erfand Pan liebestrunken auch die „Panflöte“.

Zurück in den dunklen Wald und die aufkommende Emotion Angst. Nach den Erklärungen der alten Griechen konnte die körperliche Empfindung und das Wahrnehmen von physischen und psychischen Reaktionen bezüglich Angst und Sorge, nur damit zu tun haben, das hinter irgend einem Busch der Gott Pan lauert. Sonst würde man Angst ja nicht verspüren. Eine hervorragende Idee, Angst auszulagern.

Heute wissen wir, Angst und wie man darauf reagieret und damit umgeht, hat mit einem selbst zu tun.

In der Psychologie gilt die Angst als das am frühesten entwickelte Gefühl. Schon als Säugling, dann als Kleinkind und später als Heranwachsender erleben wir Angst als emotionale Reaktion im Erleben unserer Umwelt und in Beziehung mit unseren Nächsten. Neben der rein existentiellen Angst in gefährlichen Situationen erleben wir schon sehr früh die Angst vor dem Verlust der Bezugsperson und vor dem Verlust der Liebe der Bezugsperson. Im Heranwachsen erfahren wir die Angst vor dem Verlust der Selbstbestimmung und später die Angst vor der Hingabe. Die kindliche Lerngeschichte mit diesen Beziehungsängsten determiniert weitgehend unsere spätere Persönlichkeitsentwicklung. Unser erlernter Umgang im Vermeiden von angstauslösenden Situationen prägt unser habituelles Verhalten im Erwachsenenalter.

Es ist nicht nur die Dunkelheit die uns Angst machen kann. Beim Klettern und Bergsteigen begegnet sie uns immer wieder, sie ist im Hintergrund immer irgendwie dabei. Die Erscheinungsformen und Ausprägungen sind dabei so unterschiedlich wie wir Menschen und unser Tun in der Vertikalen. Der Aspekt der Gefährdung, des Risikos für Leib und Leben produziert Angst. Das Spektrum der Gefahr reicht von echter Todesgefahr, wie etwa beim Soloklettern, bis hin zur rein subjektiven Flugangst beim gut gesicherten Sportklettern. Aber ob Höhenangst oder Todesangst, die tatsächliche Gefährdung hat wenig Einfluss auf unser subjektives Angstgefühl. Die gefühlte Intensität erstreckt sich von leichter Erregung bis hin zur Panikattacke.

Mit Blick auf die Evolutionspsychologie stellt die Nacht eine Gefahr dar, gleichzeitig schütz die Dunkelheit auch. Schon oft erlebte ich sie unterstützend, besonders dann, wenn sie den Blick in die Tiefe versperrt. Manch ein Gast der im Vorfeld voller Sorge auf die bevorstehende Tour war, schilderte mir im Nachhinein, dass er über die Finsternis im Aufstieg froh war. So konnte er den Abgrund nicht sehen und ohne Ablenkung über den Felsgrad klettern.

Der bergsteigende Mensch ist ein erfahrener Experte im Umgang mit Angst und die Zurückdr.ngung derselben. Das Unterdrücken von Angst kostet Kraft und Energie. Letztendlich ist Höhenangst eine biologisch eingeprägte psychische Reaktion und die Angst vor der Dunkelheit wurzelt in unserer Evolution. Diese Ängste haben jeher unser Überleben gesichert.

Wie oft durchschreiten wir die Nacht auf dem Weg zu unserem Bergziel? Es ist der Sternenhimmel, die blaue Stunde und der Sonnenaufgang der uns belohnt. Und wie bei allen Themen im Umgang mit der Angst, sollten wir auf die Dosis achten, der wir uns aussetzen.

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| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Die Couch steht in den Bergen. Snow 2020

By Interview
Interview erschienen in SNOW, das Skitouren-Magazin 01/2020

Pauli Trenkwalder ist Psychologe und Bergführer. Da liegt es nahe, dass er sein Besprechungszimmer in die Berge verlegt hat. Mit der SNOW spricht der Mountain Addict über seine Leidenschaft, warum der Gipfel nicht das Ziel ist und seine Couch am Berg.

Interview: Christian Riedel
Fotos: Pauli Trenkwalder

Bei jedem Ausflug in die Berge fühlt man sich glücklich. Der Kopf ist frei und die Probleme des Alltags sind vergessen. Meistens ist es dann egal, ob die Sonne scheint oder Schnee fällt, ob man auf der harten Piste ins Tal fährt oder einen Aufstieg durch unverspurten Schnee auf einen Gipfel unternimmt. Solange Berge um einen herum stehen, gibt es keine Sorgen, keine Probleme und keine schlechte Laune. Für viele sind Berge die beste Therapie. Das hat auch der Südtiroler Psychologe und Bergführer Pauli Trenkwalder erkannt. Er nutzt den Einfluss, den die Berge auf die Menschen haben und bietet Beratungen im Rahmen einer Wanderung, einer Klettertour und im Winter beim Skitourengehen an. Statt wie sonst bei einer psychologischen Beratung auf einer Couch im meist doch recht tristen Besprechungsraum zu liegen, finden bei Pauli die Sprechstunden am besten bei Sonne und 40 Zentimetern Neuschnee statt. Wir haben mit dem Psychologen über seine ungewöhnliche Arbeit gesprochen.

SNOW: Ist ein Berg auch irgendwie ein Therapeut?

Pauli: Das ist eine spannende Frage. Ich bin ja Psychologe und biete Beratung und Coaching. Der Berg therapiert ja nicht. Das ist eben die Arbeit des Therapeuten oder Psychologen. Aber der Berg bildet in meiner Arbeit den Rahmen. Ich bin gern draußen in der Natur und in den Bergen, beim Skifahren, Klettern oder Bergsteigen. Der Berg therapiert hier wie gesagt nichts. Aber die Personen, die zu mir kommen, haben das Thema Berg schon positiv besetzt, weil sie von sich aus schon gerne in die Berge gehen. Wir haben mit der Vorliebe für die Berge eine Gemeinsamkeit. Das schafft direkt eine gewisse Beziehung zwischen uns. Wenn sie nun ein persönliches Anliegen haben, das sie mit mir besprechen wollen, fällt es den meisten durch diese Gemeinsamkeit leichter, über ihr Anliegen zu sprechen, an einem Ort, an dem sie sich wohl fühlen.

Wie kam das denn zustande?

Ich bin Bergführer und habe Psychologie studiert. Ich habe mich in der Forschung mit Menschen beschäftigt, die viel in den Bergen unterwegs sind. Irgendwann hat es sich ergeben und es liegt ja auch nahe. Ich biete ja keine Therapie an. Mein Angebot geht an die Menschen, die noch nicht zum Therapeuten müssen, weil sie klinisch gesehen psychisch erkrankt sind, sondern Fragen, Probleme oder ein persönliches Anliegen haben, bei dem sie alleine nicht weiterkommen und daher darüber sprechen wollen. Aber eben nicht mit einem Freund oder jemand aus der Familie, sondern mit jemand Externem. Diese Themen sind meist privater oder beruflicher Natur, aber meistens vermischt sich das sowieso.

Hast Du denn jemals in einer Praxis gearbeitet?

Wenn man so will, ist meine Couch am Berg. Das ist auch eine Rückmeldung, die ich oft von meinen Kunden bekomme. In einer Praxis ist man knapp eine Stunde mit einem Coach oder Therapeuten sozusagen eingesperrt und dann trifft man sich eine Woche später wieder. Ich bin mit meinen Kunden den ganzen Tag unterwegs. Da hat man viel mehr Zeit, die Themen zu bearbeiten. Wir machen auch viele lange Pausen oder gehen langsam. In der Zeit kann viel passieren. Man denkt ja nach und beschäftigt sich mit dem, was besprochen wurde oder was ich gefragt habe. Zwischen den Pausen hat man dann beim Tourengehen die Möglichkeit, sich mit dem Gesagten intensiver zu beschäftigen. Dann ist man natürlich von einer Landschaft umgeben, der man positiv gegenüber steht. Und diese Natur wirkt auf einen positiv ein. Weil wir dann so viel Zeit haben, kann man auch mal den Blick schweifen lassen und die Natur in sich aufsaugen. Alleine das hilft schon vielen, die das dann als Erleichterung empfinden. Wenn wir ein einem Raum sitzen, schauen wir uns immer gegenseitig an. Beim Tourengehen kann man den Blick durch die Natur schweifen lassen. Was eben den Kopf frei macht.

Vereinfacht gesagt bucht man bei Dir eine Skitour, wobei Du während der Tour dann versuchst, mit Fragen oder im Gespräch den Problemen auf den Grund zu gehen?

Jein. Wenn ich klassisch als Bergführer arbeite, habe ich nur den Auftrag, dem Kunden einen schönen Tag zu bieten. Wenn aber ein Mensch kommt, der mit mir über ein bestimmtes Thema sprechen will, dann machen wir erst einmal ein Erstgespräch, entweder persönlich oder per Telefon, wenn der Kunde weiter weg wohnt. In diesem Erstgespräch versuche ich zunächst herauszufinden, um was es genau geht und ob ich das bearbeiten kann und wenn ja, wie wir das am besten angehen. Zudem müssen wir beide auch herausfinden, ob man miteinander kann. Sonst wird man keinen Erfolg haben.

Dann stellen wir fest, was genau der Auftrag ist und entsprechend wähle ich aus, was für eine Unternehmung am besten dazu passt. Ob wir also spazieren gehen, klettern oder auf Skitour gehen. Es muss eben zur Situation passen.

Wovon hängt das dann ab?

Ich begleite Menschen über Jahre. Und das muss man dann wie eine Waage sehen. Manchmal ist das Bergziel im Vordergrund. Eine schöne Skitour beispielsweise und das psychologische Thema ist eher klein. Das Thema ist dann nicht direkt im Vordergrund. Vielleicht hat der Kunde noch zwei oder drei kleine Fragen und muss noch was klären vom letzten Mal. Manchmal ist das Bergziel im Hintergrund. Manchmal ist das psychologische Thema sehr dringend und wichtig. Vielleicht sogar belastend. Hier wähle ich Ziele, bei denen man sich auf das Gespräch konzentrieren und vielleicht auch nebeneinander gehen kann. Dann kann mich schlecht auf den Mensch und die Tour gleichzeitig vollkommen einlassen. Ich kann schlechter zuhören, wenn ich mich auf einen Hang mit hoher Lawinengefahr oder eine Sicherung am Berg konzentrieren muss. Dann gehe ich lieber wandern.

Mit welchen Problemen kommen die Menschen dann zu dir?

Zu mir kommen oft Führungspersönlichkeiten oder Menschen, die ein Unternehmen leiten. Hier geht es oft um Arbeitsthemen, die sich auf Beziehungen auswirken. Oder es ist anders herum, dass sie mit Beziehungsproblemen kommen, die auch Einfluss auf die Arbeit haben. Oft geht es um Entscheidungen, gerade auch, wenn man Dinge im Leben ändern will und wie man das dann am besten macht. Manchmal sind es auch konkrete Beziehungsprobleme, Unzufriedenheiten oder Unsicherheiten. Ängste und schwierige  Situationen sind auch oft ein Thema. Selten habe ich Athleten aus dem Sport, die mit ihren Problemen zu mir kommen. Teilweise sind es noch Probleme in der Familie, beispielsweise wenn es um eine Firmenübergabe an die nächste Generation geht.

Musst Du deinen Kunden teilweise erst einmal das Tourengehen beibringen, bevor ihr dann ins Gespräch kommen könnt?

Wer zu mir kommt, weiß was er tut. Er muss schon eine positive Beziehung zu den Bergen haben, sonst klappt es mit der Beziehungsbildung nicht. In dem Bereich der Psychologie ist es für viele Leute eine große Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen. Und wenn sie merken, dass wir beide bergaffin sind, fällt es vielen leichter, sich bei mir Hilfe zu holen. Ich spreche ja Menschen an, die rein medizinisch keine Hilfe brauchen, aber trotzdem Hilfe suchen. Wenn wir den Berg als gemeinsame Leidenschaft sehen, sind wir dann Gleichgesinnte, die man eher um Rat fragt. Wir sprechen hier auch von niederschwelligen Angeboten.

Oft reicht es schon, die Berge zu sehen, um glücklich zu sein. Warum haben die Berge so einen großen, positiven Einfluss auf unsere Psyche?

Für viele ist es ein Sehnsuchtsort, weil man in den Bergen seine Freizeit verbringt, seinen Sport ausübt und eben Dinge tut, die Spaß machen. Wenn man sich dann da den ganzen Tag sportlich betätigt, spürt man am Abend eine körperliche Müdigkeit. Und immer, wenn sich Menschen anstrengen und Ziele wählen, die zwar fordernd aber nicht überfordernd sind, stellt sich abends ein Glücksgefühl ein, teilweise sogar ein Flow-Gefühl aber zumindest ein Wohlbefinden. Das kann dann eine 1.200 m Skitour oder eine Powderabfahrt sein. Das Erleben und das Gefühl, sich zu erholen, ist immer da. Die Menschen erleben auch eine Gesundheitsförderung. Und die Natur ist ein Resonanzraum. Der Körper spürt Wärme oder Kälte, er ist im Kontakt mit Schnee. In der Großstadt hat man das nicht. Das fühlt sich gut an.

Gehst Du denn auch privat auf Skitour?

Sicher. Wenn ich nicht mehr in die Berge gehen würde, wenn mich das nicht mehr motiviert oder glücklich macht, dann kann ich auch meine Arbeit an den Nagel hängen. Ich gehe auch viel alleine in die Berge, um mich zu erholen. Ich habe dann andere Ziele und überlege aber auch, was mir wichtig ist und was ich machen muss, damit es mir gut geht.

Bist Du auf Skitour dann auch Dein eigener Coach?

Ich mache das jetzt nicht bewusst, dass ich mir Dinge vornehme, über die ich nachdenken will. Aber alleine in der Natur denkt man eben viel über sich nach. Das ist bei mir nicht anders. Was neurobiologisch passiert hat auch der Psychologe Arne Dietrich erklärt. Wenn man gleichbleibenden Tätigkeiten nachgeht, wie eben Skitour Gehen, muss ein Teil des Gehirns nicht mehr so viel nachdenken, also wenn man nur einen Fuß vor den anderen setzt. Das System fährt Bereiche runter und der andere Teil ermöglicht es im Gehirn, dass man sich mit anderen Dingen beschäftigen kann, ohne dass man das jetzt so ganz bewusst macht. Dieser Teil hat dann eine höhere Aktivität. Das führt meistens dann dazu, dass man Lösungswege findet oder tolle Ideen hat, an die man in dem Moment gar nicht gedacht hat, die sozusagen mental hinten über gefallen waren. Kreative Menschen, die an einem Tisch sitzen und krampfhaft etwas finden wollen, werden selten erfolgreich sein. Zündende Ideen kommen dann eher in Momenten, an denen man nicht unbedingt damit rechnet. Gleichbleibende Bewegungen gehören hier eben auch dazu. Und das kommt mir eben auch zu Gute, wenn ich in meinen Gedanken versinken kann.

Wie wichtig ist denn bei deinen Gesprächen beispielsweise ein erfolgreicher Gipfelsturm auf einen 3.000er?

So etwas kann schon helfen. Bei Selbstzweifeln oder Entscheidungsproblemen kann so ein Gipfelsieg zusätzliches Selbstvertrauen bringen. Ich habe aber teilweise auch stark getriebene Personen, die viel schaffen wollen, auch viel erreichen, sehr erfolgreich sind und viel Energie haben. Die sind nach einer langen Tour eigentlich schon müde. Aber wie sie sonst im Berufsleben alle ihre Probleme sofort lösen wollen, wollen sie beim Tourengehen unter allen Umständen und unbedingt auf den Gipfel. Dann sage ich, dass das jetzt nicht geht. Es ist zu viel nicht mehr sicher oder es geht eben nicht. Dann bin ich derjenige, der diese Workaholics auch einmal einbremst. Diese Rückmeldung bekommen sie in ihrem Umfeld nicht. Es ist schön, wenn man den Leuten ein Erfolgserleben bietet, aber es kann eben auch mal sehr lehrreich sein, wenn man ein Ziel nicht erreicht.

Was machst Du denn sonst, wenn Du nicht gerade Menschen vom Gipfelsturm abhältst?

Ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen! Wir gehen dann zusammen in die Berge, weil es uns gut tut. Sonst helfe ich beim Testen neuer Bindungen bei ATK. Das ist eine junge Firma voller Energie die innovative Produkte bietet. Hier kann ich als Berater im Hintergrund meine Meinung zu den Produkten geben.

Riese. Dolomiten | Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Meine Couch, der Berg. ff-Magazin 2020

By Interview
Beitrag erschienen im ff-Magazin 2020

Pauli Trenkwalder führt berufsmäßig in die Berge. Und wenn erwünscht, geht er dort auch Problemen seiner Klienten psychologisch auf den Grund.

Text: Markus Larcher

Eine Friseurin, die in einem neuen Beruf noch einmal neu beginnen will? Ein Jungunternehmer, der bei der Firmenübernahme auf unerwartete Probleme stößt? Ein Mann, der es nie länger als drei Jahre schafft, eine Liebesbeziehung aufrecht zu erhalten?

Wer zu Pauli Trenkwalder kommt, will, wenn nicht ein Problem lösen, so doch wenigstens eines besprechen – oder aber: will ganz einfach nur auf einen Berg steigen. Im Idealfall wollen Trenkwalders Klienten beides. Doch der Idealfall ist für Trenkwalder auch am anstrengendsten: Er muss dann zwei Jobs gleichzeitig erledigen. „Das geht, aber man muss sehr strukturiert
vorgehen“, sagt er.

Wer wissen will, was für Jobs der 45-jährige Mann aus Gossensaß da so verbindet, erfährt es auf seiner Homepage ganz genau: „Psychologe Mag. rer. nat.“ steht da, und „Berg- und Skiführer“, „Klinischer und Gesundheitspsychologe“, „Systemischer Coach“. Mag. rer. nat. steht im Lateinischen für Magister rerum naturalium, Magister der Naturwissenschaften. Die akkurate
Anführung des akademischen Titels mag zunächst etwas penibel erscheinen. Bergführer mögen in Sachen Sicherheitstechnik kleinlich zu sein – aber darüber hinaus? Als kleinlich oder gar als
Kleingeister gelten sie in der Regel jedenfalls nicht. Wie auch, wenn sie auf jedem Gipfel in die weite Welt schauen können?

In der Silbergasse in Gossensaß öffnet uns ein aufgeräumter Mag. rer. nat. die Tür seines Zuhauses. Aufgeräumt, das heißt bei Trenkwalder eine Schirmmütze über das lange Haar, sportliches Arc‘teryx-T-Shirt, intakte Blue Jeans, Scarpa-Laufschuhe neueren Modells, ein freundlich lächelndes Gesicht. Die angesagten Labels gehören gewissermaßen zum Erscheinungsbild Trenkwalders, denn der Mann ist sowohl Markenbotschafter des kanadischen Outdoor-Ausrüsters als auch des italienischen Bergsport-Schuhherstellers.

Donnerstagnachmittag vergangener Woche. Als Vorhut stürmt mit fliegenden Ohren zunächst ein rotbraunes wuddeliges Etwas aus dem Haus: Es ist Lulu, der Hund der Familie Trenkwalder und sprichwörtlich aus dem Häuschen. Herrchen Pauli weilt noch für einige wenige Tage zuhause. Nach dem Corona bedingten Lockdown hat auch die Bergführerei langsam wieder Fahrt aufgenommen. Am Wochenende steht für ihn ein Arbeitstermin in Arco an, danach folgt, vom Pustertal ausgehend, eine kleine Alpenüberquerung mit zwei in die Jahre gekommenen Stammkunden.

„Mir ist es gelungen, meine Arbeit über das ganze Jahr zu verteilen und in der Regel nicht mehr länger als vier bis fünf Tage fortzubleiben. Auch bin ich nicht mehr so saisonabhängig“, sagt Trenkwalder. Wenn er zwischen seinen Touren jeweils ein paar Tage zuhause ist, dann sei er das „richtig“, ergänzt er kurz später beim Kaffeemachen in seiner Küche. Richtig, das heißt für ihn die Rolle des Hausmanns, Vaters und Gatten gewissenhaft wahrzunehmen. Im Lockdown kam der Rolle des Vaters auch die Rolle des Hauslehrers seiner elfjährigen Tochter Nora zu, erzählt er.

Pauli Trenkwalder versteht es, umgehend eine angenehme Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Mag bereits sein lieblich und unkompliziert klingender Vornamen vertrauenerweckend klingen,
so gehört die Schaffung einer angenehmen Gesprächsatmosphäre doch auch zu seinem Geschäft. Sowohl zum Geschäft des Bergführers, als auch – und hierin ungleich noch mehr – zu dem des ausgebildeten Psychologen. Die Kombination der beiden Berufe macht Trenkwalder zu einem Exoten innerhalb der beiden Zünfte. „Es muss halt jeder sein Platzl finden“, sagt Trenkwalder lapidar und schmunzelt.

Im deutschsprachigen Raum kennt er nur drei Kollegen mit einem ähnlichem Nischenangebot. Mit zwei davon arbeitet er zusammen. Einer, Martin Schwiersch, ebenfalls Psychologe und Bergführer, holte ihn als Diplomand zu Gruppe der Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenvereins (DAV); im DAV ist Trenkwalder bis heute als Ausbilder und Referent in den Bundeslehrteams Bergsteigen und Sportklettern tätig. Mit dem anderen Kollegen, mit Jan Mersch, bietet er über die Homepage „Mensch und Berge“ psychologische Beratung und Betreuung an – für Privatpersonen, Führungskräfte sowie Teams und Gruppen. Auf Wunsch hält man Vorträge und Seminare, die schwerpunktmäßig Fragen nachgehen wie: Was macht gute Führung aus? Wie lernt man gut zu führen? Warum führt man eigentlich?

Warum Trenkwalder selbst führt – zumindest als Bergführer in den Bergen – ist schnell erzählt. Als Kind in Wiesen Pfitsch als Sohn eines Bergretters und Handwerkers mit eigenem Kleinbetrieb aufgewachsen, war er und seine beiden Geschwister nicht nur von Bergen umgeben, sondern stets auch in ein ausgesprochen bergsteigerisches (Familien-) Ambiente eingebettet. Zusammen mit seinem Bruder begab er sich alsbald in immer steilere Wände, reifte zum ausgewachsenen Alpinisten heran, dem die Bergführerei nur als eine konsequente berufliche Fortsetzung seiner Leidenschaft erschien. Es war ausgerechnet der bergbegeisterte Vater, der ihn zunächst mit einer gewichtigen Frage einbremste: „Wie willst du von deinem Bergführer-Job leben?“

Also begann Trenkwalder zunächst Architektur zu studieren, wechselte nach dem ersten Studienabschnitt kompromisslos die Route, um in das Psychologiefach einzusteigen. Währenddessen machte er sich mit Bergführer-Freunden wie Helmut Gargitter oder Renato Botte immer wieder in die weite Welt auf, um sich auf kleinen Expeditionen am liebsten an großen, weitgehend unbestiegenen Wänden auszutoben. Entlegene Regionen in Ländern wie Madagaskar, Mali, Namibia, Venezuela, Chile oder China – um nur einige zu nennen – war ihm dabei am liebsten. Irgendwann reifte in ihm die Idee, die Psychologie mit der Arbeit des Bergführers zu kombinieren. Gedacht, getan: 2003 nahm er sein Bergführer-Diplom in Empfang.

„In Mittelpunkt steht immer die Arbeit mit Menschen, ganz gleich ob ich als Bergführer oder als Psychologe arbeite“, sagt Trenkwalder. Als Bergführer hat er schnell gemerkt, dass Menschen in der Natur besser über sich selbst und ihre Gefühle reden können. Optimale Voraussetzungen für einen Psychologen. Die Berge sind ihm dabei Kulisse und Resonanzraum, in dem sich die Gespräche mit seinen Klienten entfalten können. Angebote, in denen Büroteams über Abenteuerausflüge zusammen gebracht werden sollen, sind seine Sache allerdings nicht. Zusammenhalt, Solidarität ist nicht etwas, was sich innerhalb von einem Tag erwerben lässt. Dass am Berg aber etwas geschieht, dass man sich im Unterwegssein in der Natur öffnet – das kann Trenkwalder immer wieder beobachten. Tatsächlich zeigen neurobiologische Erkenntnisse, dass schon eine Bergwanderung von drei Stunden eine positive Veränderungen der psychischen Gesundheit mit sich bringt, Angst und Energielosigkeit schwinden, mit Outdoor- oder Bergsport lässt sich eine Burnout-Erkrankung vorbeugen.

„Ich sage nicht, dass die Natur heilt, ich bin nicht esoterisch angehaucht. Aber meine Couch ist draußen, am Berg. Die Natur hilft, das Unterwegssein hilft. Der Blick kann schweifen, das wirkt entlastend“, so Trenkwalder.

In Vorgesprächen mit seinen Klienten, tastet er zunächst ab, „ob man persönlich miteinander überhaupt kann“ und wie genau der Arbeitsauftrag an ihn lautet. Manchmal ist nur das Bergführen gefragt, manchmal nur der Psychologe, mit dem man bergsteigt, und manchmal beides. Ist letzteres der Fall, schafft sich Trenkwalder ein passendes „Setting“, wie er es nennt – einen Rahmen, wo er beides unter einen Hut bringen kann: „Ich suche mir dann leichteres Gelände aus, wandere auch nur, bin auf leichten Teilstücken der Psychologe, auf ansprechenderen der Bergführer“. Trenkwalder macht ein psychologisch niederschwelliges Angebot, er ist kein Psychotherapeut, Klienten mit einem klinischen Bild wie Depression oder einer Abhängigkeitserkrankung empfiehlt er an Fachkräfte weiter. „Ich bin auf psychologische Coachings im Gebirge spezialisiert, wenn man so will“, sagt er und grinst. Zu seiner Klientel gehören demnach Menschen mit Beziehungsproblemen, Menschen, die Orientierung suchen oder vor schweren Entscheidungen stehen.

Trenkwalder kann auch selbst loslassen. „Mit ihm kann man auch einmal einen Topfen reden, richtig Spaß haben und blödeln“, sagt einer, der ihn gut kennt. Wer schon einmal eine Fortbildung oder ein Seminar von ihm besucht hat, weiß, dass er jedoch auch fordern kann, ja sein Gegenüber zuweilen auch herausfordert. „Am geschicktesten ist es, wenn man Menschen weder über- noch unterfordert“, sagt Trenkwalder. Für sich selbst scheint der Mann, der in sich ruht, jedenfalls eine gute Mischung gefunden zu haben.

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