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Oktober 2025

| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Vortrag: Lawinensymposium 2025 „Erklären statt belehren – der Alpinunfall in den Sozialen Medien“

By Beitrag, Vortrag
Vortrag und Beitrag für das Lawinensymposium Graz 2025

Beim Lawinensymposium Graz 2025 habe ich gemeinsam mit Riki Daurer einen Vortrag zum Thema „Erklären statt belehren – der Alpinunfall in den Sozialen Medien“ gehalten. Der gesamte Beitrag und ein Link zum Tagungsband anbei. 

Beitrag & Vortrag: Pauli Trenkwalder, Riki Daurer

Warum die Fehlerkultur am Berg und im Netz so unterschiedlich ist – und was wir daraus lernen können

„Fehlerkultur ist nicht nur eine Frage des Lernens, sondern auch des Umgangs miteinander.“

Frühmorgens am Grat. Zwei Bergsteiger*innen steigen vorsichtig über festen Firn und griffigen Fels. Stirnlampen werfen tanzende Kegel in die Dunkelheit, der Wind ist kalt, der Himmel verspricht einen klaren Tag. Jeder Schritt ist durchdacht, jeder Griff bewusst. Es herrscht Ruhe – aber auch Konzentration, Verantwortung, Vertrauen. Und vor allem eines: Freiheit.Diese Momente am Berg bedeuten für viele mehr als nur Sport. Sie sind Ausdruck von Selbstbestimmung, von Lebensphilosophie. Entscheidungen sind nicht immer eindeutig – aber getragen von Erfahrung, Intuition, Absprache. Freiheit, Vertrauen, Verantwortung – das sind hier nicht bloß Worte, sondern gelebte Werte.Und dann passiert ein Unfall. Ein falscher Tritt, ein Steinschlag, eine Fehleinschätzung – oder einfach Pech. Die Seilschaft gerät in Not. Einer wird verletzt, der Rettungshubschrauber kommt, der Tag endet im Krankenhaus statt am Gipfel.

Wie vor kurzem an einem bekannten Ostalpengipfel: Zwei gut vorbereitete Alpinist*innen geraten in einem steilen Schneefeld ins Rutschen. Der Unfall geht glimpflich aus – doch die Geschichte macht im Netz die Runde. Keine 24 Stunden später: Dutzende Kommentare, Hunderte Likes, klare Urteile. „Die sollen das selber zahlen.“ – „Wer so was macht, gefährdet nicht nur sich, sondern auch andere.“ – „Unbelehrbar!“ – „Fahrlässig.“

Und während die beiden Bergsteiger*innen noch versuchen zu verstehen, was passiert ist, wird im digitalen Raum bereits geurteilt – noch lange bevor ein Gutachten erstellt ist und ein Gericht ein Urteil fällen wird. Plötzlich sind die Werte, die wir am Berg so hochhalten, wie weggeblasen. Aus Freiheit wird Kontrolle. Aus Vertrauen Misstrauen. Aus Verantwortung Schuldzuweisung.

Was passiert da mit uns? Warum fällt es uns im Netz so schwer, empathisch und lernbereit zu bleiben, wenn etwas schiefläuft?

Diese Überlegungen führen zu einer zentralen Frage im Umgang mit sozialen Medien: Können wir online wirklich aus den Fehlern anderer lernen? Oder brauchen wir dafür zuerst eine andere Haltung im Umgang mit Fehlern – online wie offline?

Die Realität sozialer Medien

Kehren wir zu dem oben geschilderten Unfall in den Ostalpen zurück, der innerhalb kürzester Zeit viele Darstellungen im Netz und zig-fache Kommentare ausgelöst hat. Gepostet wurde dieser Unfall von vielen: von alpinen Organisationen, die an der Rettung beteiligt waren, von einem Medium, das darüber berichtete, und auch von Privatpersonen – die diese Postings teilten und mit ihrem Kommentar und ihrer Bewertung versahen.

Wer den Post mit welcher Motivation erstellt, ist dabei sowohl dem Portal, auf dem das Posting veröffentlicht wird, als auch den lesenden User*innen egal. Beide – also Portal und User*innen – nehmen diesen Inhalt und verschaffen ihm im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten Reichweite. Das Portal durch seinen Algorithmus, die User*innen durch Kommentar, Likes, Emojis oder das reine Betrachten der Meldung. Dabei stoßen Welten aufeinander: die alpine Realität, zu der unvorhergesehene Ereignisse, schlechte Entscheidungen oder einfach Pech dazugehören, und eine gänzlich anders gelagerte – bzw. fehlende – Fehlerkultur in den sozialen Medien. In vielen Fällen kommt es dadurch zu einer – nicht immer beabsichtigten – Moralisierung und Verurteilung von Opfern bzw. deren Angehörigen sowie zur Verbreitung von ungewollten Botschaften.

Im Folgenden wird zum einen dargestellt, warum das Thema „Alpinunfälle“ bei User*innen und Leser*innen so bliebt ist und nicht nur gern gelesen, sondern auch kommentiert bzw. emotionalisiert wird, und wie ambivalente Narrative und Motive dies befördern. Zum anderen wird aufgezeigt, wie die Mechanismen der Portale diese Dynamik zusätzlich begünstigen.

Ambivalente Narrative befördern das Kommentieren von Unfällen

Motivation hinter dem Post vs. Botschaft der Nachricht
Autor*in vs. Community

Ein vermeintlich gut gemeinter Unfallpost (Motivation: Damit andere daraus lernen) wird schnell zum Auslöser eines Shitstorms gegen Opfer oder deren Angehörige. Denn mit dem Posten eines Unfallberichts lädt man die Community zur Bewertung ein, die wiederum die finale Botschaft kreiert – durch Folgekommunikation. Der vermeintliche Autor wird seiner Position enthoben und die ursprünglichen Leser*innen des Posts werden durch ihre Kommentare zum neuen Autor, dem Produser, und verleihen dem Post eine neue, oft unerwünschte Bedeutung.

Umgekehrt kann ein bewusst medial inszenierter Unfallbeitrag bei den Leser*innen als „gut gemeinte“, zuverlässige Information ankommen – dahinter steckt aber das harte Kalkül einer Marketing-Rechnung: mehr Klicks, mehr Werbeeinnahmen.

„Die Geister, die wir riefen“ vs. „Die Bergsteiger*innen, die wir nicht wollen“
Versicherung vs. Vollkaskomentalität

Viele von uns leben vom „alpinen“ Tourismus – in direkter oder indirekter Weise. Wir befördern den Bergtourismus durch die Vermarktung der Alpen – zuzüglich notwendiger Versicherung, Unterkünften und Touren. Auch in den sozialen Medien.

Doch der Unfall scheint in diesem Zusammenhang keinen Platz zu haben und die Verunfallten werden zu Unerwünschten, zu den anderen. Sie symbolisieren die Seite der Berge, die in den Hochglanzprospekten keinen Platz hat – die gefährliche, risikobehaftete, die praktischen allen alpinen Unternehmungen innewohnt. Und so entsteht die skurrile Situation, dass auf der einen Seite der Abschluss von Versicherungen für Bergungskosten angepriesen wird und auf der anderen Seite werden die vernadert, die diese auch beanspruchen.

Laien vs. Expert*innen
Wir & die anderen

Die perfekte Pulverabfahrt bei Lawinenwarnstufe 3, der Aufruf zum „Spaß im Schnee“ steht neben der Warnung, bitte an demselben Tag ja nicht ins freie Gelände zu gehen. Die einen (Spaß) sind Expert*innen, alle anderen – gehen sie doch raus und es passiert etwas – anscheinend fahrlässig unterwegs.

Fahrlässigkeit vs. Schicksalsschlag
Rettung vs. Gefahr

Doch wer entscheidet, ob fahrlässig gehandelt wurde? Leider sehr oft und sehr schnell die Community. Dazu eingeladen durch die sozial-mediale Aufbereitung von Unfällen. Für mehr Reaktionen werden diese – leider zunehmend auch von traditionellen Medien – mit für den Vorfall irrelevanten Informationen wie die Nationalität der Betroffenen versehen. Passiert derselbe Unfall hingegen Einheimischen oder Bergführer*innen, wird in der Berichterstattung eher von einer Naturgewalt oder einem unvorhersehbaren Ereignis gesprochen. Für bestimmte Communitys ist das ein gefundenes Fressen – es bestätigt ihr Denken innerhalb der eigenen Filterblase.

In dieser Argumentationskette findet man auch immer Kommentare, die auf die vermeintliche Gefährdung der Retter*innen hinweisen, die durch die Fahrlässigkeit anderer Personen entsteht. Doch Rettungsorganisationen distanzieren sich klar: Auch wenn ein Restrisiko besteht, hat die Sicherheit der Einsatzkräfte selbstverständlich oberste Priorität.

Sensibilisieren vs. Rage Bait
Unfallbericht vs. Lösen des Alpinkrimis

Ein Einsatz im Mai 2025: Ein Verunfallter wird am Klettersteig Donnerkogel-Himmelsleiter gerettet. Während die ARA Flugrettung über den Einsatz an sich berichtet, nüchtern und knapp, und lediglich einen Kommentar dafür erhält, wird an andere(n) Stellen derselbe Unfall mit Informationen zur Nationalität der verunfallten Person und ersten Beurteilungen gepostet. Die Ausbeute: 183 meist negative Kommentare.

Während die einen, oft Bergrettungsorganisationen, Unfälle für ihre Öffentlichkeitsarbeit posten, die Motivation meist klar und die Kommunikationsregeln transparent sind, ergänzen andere den Titel um reißerische Details. Das Ziel: mehr Klicks.

Die Konsequenzen aus diesen unterschiedlichen Beweggründen sind jedoch dieselben: Man lädt die Community zum Mitdiskutieren und Lösen eines „Alpinkrimis“ ein und geriert sich somit als Wächter*in, der*die über die Einhaltung der Moral beim Bergsteigen wacht.

Mutmaßungen vs. Faktenwissen

Mutmaßungen sind von Fakten nicht immer ad hoc von jedem zu unterscheiden – gerade in den sozialen Medien. Und so werden gerne den sofort geposteten Unfallberichten und Beurteilungen geglaubt. Dass eine professionelle Aufarbeitung und Bewertung von Alpinunfälle Zeit braucht, wissen viele nicht.

Fremdzweck vs. Eigennutzen

Den gerne genannten altruistische Ansatz, einen Unfall zu posten, damit andere lernen, soll kritisch gesehen werden – v. a. bei Privatpersonen. Poste ich einen Unfall wirklich nur, damit andere etwas daraus lernen können? Oder eignet sich ein Unfall nicht hervorragend, um mich selbst als vermeintliche*n Experten*in zu positionieren? Auf Kosten anderer.

Einen Denkanstoß dazu bietet die Studie zu „Positional Preferences“ von Andrea Mannberg, die sich zwar primär darauf bezieht, wie soziale Vergleiche das Risikoverhalten von Skitourengehern im freien Gelände beeinflussen, aber gut auf die hier dargestellte Thematik übertragbar ist. Mannberg beschreibt die Tendenz von Individuen, ihren eigenen Status oder Nutzen im Vergleich zu anderen zu bewerten. Der Alpinunfall in den sozialen Medien eignet sich dafür hervorragend – ich bin besser, weil mir passiert das nicht.

Vermeintliche Anonymität vs. juristische Verantwortung

Vermeintlich anonym und geschützt wähnt sich manche*r User*in unter dem Schutzmantel der Community. So überschreitet man fröhlich und öffentlich ethisch und juristisch Grenzen mit Posts, Likes oder Kommentaren. Dass man dabei aber juristischer und natürlich auch journalistischer Verantwortung unterliegt, ist man sich hier nicht bewusst. Und so war es für viele überraschend, als 2024 das erste Mal ein Teilnehmer eines Shitstorms verurteilt wurde (mehr dazu https://alpin.online/strafrechtliche-grenzen-bei-einem-shitstorm/).

Die sozialen Medien verstärken diese ambivalenten Narrative

Ambivalente Bilder wirken im Netz besonders stark auf die Dynamik von Kommentaren, weil sie Interpretationsspielräume öffnen und emotionale Reaktionen aktivieren. Das beeinflusst, wie Menschen reagieren, kommentieren und urteilen.

All diese ambivalenten Narrative und die daraus resultierende Folgekommunikation drehen die sozial-mediale Entrüstungs-Spirale weiter bzw. erlauben der Community, die Spirale weiterzudrehen. Folgende Wirkmechanismen der sozialen Medien verstärken dies noch zusätzlich:

  • Soziale Medien sind Wirtschaftsunternehmen: Alle Portale haben eine Zielsetzung: möglichst hohe Nutzung und Interaktion – damit verdienen sie Geld. Algorithmen verstärken diesen Mechanismus.
  • Portale übernehmen keine journalistische Verantwortung: Ein Portal ist rechtlich kein Medieninhaber. Es zählt Interaktion statt Einordnung, Emotionalisierung statt Kontextualisierung.
  • Kollektives Gatekeeping: Die Community übernimmt die redaktionelle Auswahl – Likes, Shares und Kommentare bestimmen Sichtbarkeit; Algorithmen verstärken.
  • Aufbau der Posts (Visual Framing): Bilder dominieren die Wahrnehmung; die Caption wird oft nur gekürzt wahrgenommen.
  • Kommentar-Dominanz & De-Kontextualisierung: Folgekommunikation wird wichtiger als der Ursprungspost; geteilte Inhalte verändern im neuen Kontext ihre Bedeutung.
  • Filterblasen & Confirmation Bias: Menschen suchen Bestätigung ihrer Überzeugungen; Algorithmen befeuern dies.
  • Illusory Truth Effect: Wiederholungen wirken wahrer – algorithmische Wiederholung verstärkt vermeintliche Fakten.
  • Negativity Bias: Negative Inhalte erzeugen stärkere Reaktionen und damit mehr Reichweite – unabhängig von Qualität.
  • Bandwagon-Effekt & Social Proof: Mehrheitsmeinungen gelten als „richtig“; Reaktionen werden zum Relevanzmaßstab.
  • First-Mover Advantage & Sofortismus: Wer zuerst postet, gewinnt Sichtbarkeit – Qualität zweitrangig.
  • Quantität vor Qualität: Interaktionen zählen mehr als fachliche Tiefe.

Die Konsequenzen im analogen Leben

Aus den genannten ambivalenten Narrativen, bestärkt durch Algorithmen, werden im Netz oft unvollständige oder unwahre Informationen übermittelt. Diese lassen Leser*innen Spielraum zu bewerten und laden zum Kommentieren ein.

Verunfallte oder deren Angehörige werden be- und verurteilt – ohne jegliche Grundlage. User*innen überschreiten ethische und juristische Grenzen mit Sätzen, die man Betroffenen wahrscheinlich so nie direkt sagen würde. Sie werden an den Pranger gestellt und beschuldigt – nicht nur sich selbst, sondern auch andere zu gefährden. Dieses Verhalten hat nicht nur belastenden Auswirkungen auf die Betroffenen, sondern manchmal sogar juristische Konsequenzen.

„Jeder, der sich an einem Shitstorm beteiligt, haftet dem Opfer gegenüber persönlich – unabhängig davon, wer den Post als Erster ins Netz gestellt hat.“ (…)

„Strafrechtliche Grenzen bei Shitstorms – OGH-Urteil, Haftung & rechtliche Risiken beim Teilen – Interview mit Dr. Kerschbaumer“ auf alpin.online

„[D]ie Menschen sind sich gar nicht darüber bewusst, dass sie juristisch als Einzelperson dastehen und verstecken sich einfach hinter der Masse.“

ebd.

Eine gute Idee: Sich der eigenen Motive bewusst werden

Bevor ein Post zu einem Unfall abgesetzt wird oder ein entsprechender Post kommentiert wird, ist es eine gute Idee, sich über die eigenen Motive klarzuwerden. Was will man damit erreichen und kann man das gewünschte Ziel mit einem Post überhaupt erreichen? Besteht die Gefahr unerwünschter Botschaften, Folgekommunikation oder juristischer Konsequenzen? Dies gilt für Vereine und Organisationen gleichermaßen wie für traditionelle Medien und private User*innen.

Wenn man postet, sollte man auf Vollständigkeit, Wahrheit und Relevanz achten. Je vollständiger und eindeutig zuordenbar Informationen sind und je weniger Spielraum sie dem Leser und der Community für Mutmaßungen lassen, desto seltener wird auch eine unerwünschte Folgekommunikation stattfinden.

Ein Faktencheck hat somit oberste Priorität – online gestellt wird nur, was auch zu hundert Prozent verifiziert ist. Sind zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht alle Fakten gesichert, können die Leser*innen darüber informiert werden – oder man sieht davon ab, das Posting zu diesem Zeitpunkt abzusetzen.

Hierzu gehört auch die Transparenz hinsichtlich der Motivation des Postens. Denn auch in diesem Punkt kann fehlende Information zu falschen Mutmaßungen und Anschuldigungen führen.

All dies kann in einem entsprechenden Entscheidungsbaum definiert werden – ein Modell dazu findet man in dem Beitrag „Der Alpinunfall in den sozialen Medien“ in analyse:berg, online nachzulesen unter: https://alpinesicherheit.at/alpinunfall-soziale-medien/

„Wir merken aber, dass soziale Medien eine gewisse Rolle spielen. Heute wird jeder, der mit Sandalen am Klettersteig unterwegs ist, der Gefahr erliegen, dass er gefilmt wird und das Video viral geht.“

Markus Thaler (Anästhesist & Flugrettungsarzt), analyse:berg Sommer 2024

Psychologische Betrachtungen

Zur Orientierung: zurück zum inneren Wertekompass, der für so viele Bergsteiger*innen gilt:

Freiheit / Unabhängigkeit

Für viele ist das Bergsteigen ein Gegenpol zum Alltag, zur Taktung, zu Regeln und Konventionen. Am Berg sind sie selbstbestimmt, weg vom Lärm, weg vom System.

Typische Aussagen:

  • „Da oben bestimme ich selbst.“
  • „Niemand schreibt mir vor, welchen Weg ich gehen muss.“
  • „Freiheit ist für mich, wenn ich mit Ski auf einen Gipfel gehe.“

Psychologisch betrachtet: Das Bedürfnis nach Autonomie ist ein Grundbedürfnis (Deci & Ryan), das sich beim Bergsteigen sehr direkt erfüllt.

Vertrauen / Verlässlichkeit (vor allem im Team)

In Seilschaften zählt, dass man sich aufeinander verlassen kann. Vertrauen in den* Partner*Partnerin, in das Material, in den eigenen Körper.

Typische Aussagen:

  • „Ich gehe nur mit Leuten, denen ich wirklich vertraue.“
  • „Am Berg zeigt sich, wie jemand wirklich tickt.“
  • „Wir haben uns wortlos verstanden, das ist Gold wert.“

Psychologisch betrachtet: Vertrauen ist ein zentraler Pfeiler sozialer Sicherheit – und in hochriskanten Umgebungen überlebenswichtig. Außerdem stärkt Vertrauen das Kohärenzgefühl, also das tiefe Vertrauen, dass das Leben einen Sinn hat, dass Herausforderungen verstehbar sind und dass man ihnen gewachsen ist (Antonovsky). Dies ist bei Bergmenschen stark ausgeprägt.

Verantwortung

Verantwortung für sich selbst, für andere, für die Natur. Viele Bergsteiger*innen tragen dieses Verantwortungsbewusstsein sehr bewusst – auch in der Abwägung von Risiko.

Typische Aussagen:

  • „Ich entscheide selbst, aber ich trage auch die Konsequenzen.“
  • „Ich will niemanden gefährden.“
  • „Es geht nicht nur um den Gipfel, sondern auch ums Wieder-Runterkommen.“

Psychologisch betrachtet: Hier wirkt das Konzept der Selbstwirksamkeit (Bandura) mit – also das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen aktiv zu gestalten. Verantwortung zu übernehmen gibt Sinn und stärkt das Selbstbild.

Natürlich könnte man noch andere starke Werte nennen – z. B. Erlebnis, Naturverbundenheit, Demut, Grenzerfahrung oder Gemeinschaft – je nach Subgruppe. Aber Freiheit, Vertrauen und Verantwortung bilden für mich die solide Basis.

Die Werte, die Menschen am Berg als grundlegend erleben, scheinen im digitalen Raum plötzlich zu verschwinden oder sogar ins Gegenteil verkehrt zu werden:

Freiheit wird ersetzt durch Urteil / Kontrolle

Am Berg bedeutet Freiheit: Ich entscheide selbst, ich gehe meinen Weg. Online jedoch – besonders nach Unfällen – kippt das oft in: „Wie konnte man nur so etwas tun?“ „Selbst schuld – bei Lawinenwarnstufe 4 geht man halt nicht raus.“

Was passiert? Die Freiheit des*der Einzelnen wird im Nachhinein kollektiv bewertet. Es entsteht ein Kontrollreflex: Menschen wollen Risiko rationalisieren, kategorisieren, um sich selbst sicherer zu fühlen. Psychologisch ist das eine Schutzstrategie gegen das Gefühl von Kontrollverlust – nach dem Motto: Wenn ich weiß, was der*die falsch gemacht hat, kann mir das nicht passieren.

Vertrauen wird ersetzt durch Misstrauen / Schuldzuweisung

Im Gelände ist Vertrauen zentral – in den*die Partner*in, in Entscheidungen, in gemeinsame Verantwortung.

Online: „Hat er seine Partnerin da reingezogen?“ „Wurde da überhaupt ordentlich geplant?“

Was passiert? Der Vertrauensraum „Seilschaft“ wird durch einen öffentlichen Gerichtssaal ersetzt. Besonders tragisch: Der Unfall zerstört nicht nur Leben, sondern oft auch nachträglich Beziehungen durch öffentliches Misstrauen. Psychologisch gesprochen: In der Anonymität der Kommentarspalten fehlt die soziale Einbettung, es dominiert das Bedürfnis nach kognitiver Kohärenz: Jemand muss schuld sein.

Verantwortung wird ersetzt durch Schuld / Moralisierung

Am Berg heißt Verantwortung: Ich bin mir der Risiken bewusst und trage die Konsequenzen.

Online wird daraus oft: „Völlig verantwortungslos, bei dem Wetter rauszugehen!“ „Solche Leute gefährden auch die Bergrettung!“

Was passiert? Es entsteht eine Moralisierung von Risiko. Verantwortung – die am Berg hoch geschätzt wird – wird im digitalen Raum zum Vorwurf. Der Unterschied ist subtil, aber tiefgreifend: Verantwortung ist aktiv, selbstbewusst, bewusst getragen. Schuld ist passiv, rückwirkend, beschämend.

Warum diese Umkehr?

  1. Emotionale Entlastung: Menschen wollen sich nach einem Unfall abgrenzen – emotional, moralisch, rational. „Ich bin anders, ich würde so was nicht tun.“ Das gibt Sicherheit, aber kostet Empathie.
  2. Digitale Disinhibition (Hemmungslosigkeit im Netz): Online fehlt oft der soziale Korrektiv-Rahmen. Der Blickkontakt, das Mitfühlen, die Zwischentöne fehlen. Das befeuert Urteile.
  3. Kognitive Vereinfachung komplexer Realität: Unfälle sind meist Ergebnis vieler Faktoren. Online will man schnelle Erklärungen, einfache Schuldige, klare Narrative.

Warum wir so schnell urteilen

Aus psychologischer Sicht ist das Verständnis für Fehler alles andere als trivial. Wer andere belehrt, stellt sich über sie. Damit verletzt er oft ein zentrales menschliches Grundbedürfnis: das nach Autonomie. In der Selbstbestimmungstheorie der US-Psychologen Edward Deci und Richard Ryan gilt Autonomie als eine der drei Grundvoraussetzungen für intrinsisch motiviertes Lernen. Wird dieses Bedürfnis untergraben, etwa durch bevormundende oder überlegene Kommunikation, reagieren Menschen häufig mit innerem Widerstand. Selbst gut gemeinte Hinweise werden dann abgelehnt – nicht, weil sie inhaltlich falsch sind, sondern weil sie als Angriff auf die eigene Entscheidungsfreiheit empfunden werden. Das erzeugt Hierarchien: „Ich weiß es besser als du.“ Beim Gegenüber löst das oft Scham, Trotz oder Abwehr aus. In der Psychologie spricht man hier vom sogenannten Reaktanz-Effekt: Menschen reagieren mit innerem Widerstand, wenn sie sich bevormundet fühlen – selbst dann, wenn der Rat eigentlich sinnvoll wäre.

Ein typischer Satz wie „Bei Lawinenwarnstufe 3 geht man dort halt nicht rauf“ mag sachlich korrekt sein. Aber er blendet aus, dass solche Entscheidungen in Echtzeit, mit unvollständigen Informationen, unter Druck oder in komplexen Dynamiken getroffen werden. Im Nachhinein zu urteilen ist leicht – hilfreich ist es selten.

Belehrung grenzt aus – Erklären öffnet Dialog

Wenn wir möchten, dass Menschen aus Fehlern lernen, brauchen wir eine andere Haltung. Eine, die erklärt, statt zu belehren.

Erklären bedeutet: Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Statt zu fragen „Warum haben Sie das gemacht?“, könnten wir fragen: „Welche Faktoren könnten hier eine Rolle gespielt haben?“

Ein Beispiel:

  • Belehrend: „Wer bei Stufe 3 diesen Hang einspurt, ist selbst schuld.“
  • Erklärend: „Viele Unfälle passieren bei Stufe 3, weil die Bedingungen trügerisch sind. Wie kann man das besser einschätzen?“

So entsteht ein Lernraum. Menschen, die einen Fehler gemacht haben, wissen das oft selbst. Doch genau in diesem Moment sind sie besonders verletzlich. Scham- und Schuldgefühle können, wie die US-amerikanische Forscherin Brené Brown zeigt, das Lernen blockieren. Wenn sich jemand beschämt oder moralisch entwertet fühlt, schließt sich oft der innere Zugang zur Reflexion. Deshalb brauchen wir sogenannte „sichere Lernräume“ – Umgebungen, in denen Fehler nicht mit Bloßstellung, sondern mit Verständnis beantwortet werden. Nur so entsteht die Offenheit, aus Erlebtem tatsächlich etwas mitzunehmen. Die zentrale Frage ist nicht: Wer ist schuld? Sondern: Was können wir alle daraus mitnehmen?

Digitale Dynamiken: Wenn aus Verantwortung Schuld wird

In sozialen Netzwerken zeigt sich ein besonderer Mechanismus: Psychologisch betrachtet spricht man vom sogenannten Digital Disinhibition Effect (John Suler). Er beschreibt die Enthemmung, die viele Menschen in digitalen Räumen erleben. Ohne Blickkontakt, ohne unmittelbare Rückmeldung durch Mimik oder Körpersprache und oft anonym, verlieren viele die natürlichen sozialen Filter. Kommentare werden härter, Zuschreibungen extremer, Urteile schneller. Die fehlende soziale Nähe senkt die Schwelle für Moralisierung und öffentliche Anklage – gerade dann, wenn ein Thema emotional aufgeladen ist wie ein Bergunfall. Die Kommunikation verändert sich. Aus Verantwortung wird Schuld, aus Vertrauen Misstrauen, aus Freiheit wird das Nachrechnen von Fehlern.

Online-Kommentare sind schnell, hart, urteilsfreudig. Die sozialen Korrektive, die wir am Berg intuitiv beachten – Respekt, Zwischentöne, das gemeinsame Risiko – fehlen in der Anonymität des Netzes. Die Folge: Statt kollektivem Lernen entsteht eine Tribunalkultur. Besonders tragisch ist das für jene, die betroffen sind: Angehörige, Kamerad*innen, Retter*innen. Eine kritische Reflexion wird so unmöglich gemacht.

Fehlerkultur als eine Frage der Haltung

Fehlerkultur beginnt nicht mit Fakten, sondern mit Haltung. Denn Lernen geschieht nur dort, wo psychologische Sicherheit besteht – ein Konzept, das von der Organisationspsychologin Amy Edmondson geprägt wurde. Es beschreibt ein Klima, in dem Menschen sich trauen, Fragen zu stellen, Zweifel zu äußern und auch Fehler einzugestehen, ohne negative soziale Konsequenzen befürchten zu müssen. Gerade in risikobehafteten Kontexten wie dem Bergsport ist diese Sicherheit zentral: Nur wer sich sicher fühlt, reflektiert ehrlich und lernt nachhaltig.

Wenn wir als Bergcommunity – egal ob als Expert*innen, Autor*innen oder Kommentierende – möchten, dass aus Unfällen gelernt wird, dann brauchen wir eine Sprache, die erläutert statt bloßzustellen. Eine Kommunikation, die fragt statt urteilt. Eine Fehlerkultur, die die Würde der Beteiligten wahrt und gleichzeitig das Lernen fördert.

Denn: Wer belehrt, schafft Distanz. Wer erklärt, schafft Verständnis. Und nur wer versteht, kann lernen.

„Soziale Medien sind wie ein überdimensionierter Stammtisch, wo jeder über alles erzählt und alle zuhören. Unterschied ist die fehlende soziale Kontrolle durch direkte Interaktion.“

Warum wir das gemeinsam schreiben

Wir – Riki Daurer und Pauli Trenkwalder – beschäftigen uns beide seit Jahren mit dem, was am Berg passiert. Riki aus der Perspektive der Medien und digitalen Kommunikation, Pauli als Psychologe und Bergführer. Was uns verbindet, ist nicht nur „das Draußensein“, sondern auch die gemeinsame Irritation darüber, wie im Netz über Bergunfälle gesprochen wird. Schnell wird geurteilt, bewertet, moralisiert – oft ohne Kontext, dafür mit viel Meinung. Manche Kommentare sind schwer auszuhalten.

Gerade deshalb finden wir unsere Zusammenarbeit bereichernd. Wir bringen unterschiedliche Zugänge ein, fragen einander, ordnen gemeinsam ein und unterstützen uns darin, digitale Dynamiken und Motivationen besser zu verstehen. Und wir wollen verbinden – Themen, Professionen und Expertisen: Pauli ist Bergführer und somit professioneller Alpinist, Riki Hobby-Bergsteigerin – was eigentlich egal ist, nur im Falle eines Unfalls doch auch zu unterschiedlichen Bewertungen führt. Riki beschäftigt sich hauptberufliche mit digitalen Medien, mit technischen und operativen Abläufen und Online-Phänomenen. Pauli ist als Psychologe primär analog unterwegs. Für Phänomene, die im Netz oft den sozialen Medien als Einzigartigkeit oder Merkmal zugeordnet wird, findet Pauli das Pendant in der Allgemeinen Psychologie.

Diese Zusammenarbeit hat sich auch in der „Shitstorm Agency – Agentur für Fehler- & Kommunikationskultur im Netz“ verdichtet. Ein Ort, an dem wir versuchen, das laute Netzverhalten verstehbar zu machen – ohne selbst laut zu werden.

Und wenn’s zu viel wird? Dann gehen wir raus. In die Berge. Dorthin, wo Respekt und Verantwortung mehr zählen als Klicks. Wir kultivieren unsere eigene Resilienz – nicht online, sondern im Gelände.

Ach ja – wir sind gerne auf sozialen Netzwerken aktiv. Wir posten, wir kommentieren. Und stellen uns immer wieder die Frage: Was tut mir gut? Und was macht mein Kommentar mit anderen?

zur Website des Lawinensymposiums zum Tagungsband
| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Die Haltung am Berg. analyse:berg Winter 2024/25

By Interview
Interview erschienen in analyse:berg des ÖKAS Winter 2024/25

Der Südtiroler Pauli Trenkwalder ist seit Jahrzehnten Bergführer und Ausbilder. Ebenso lange ist er auch klinischer Psychologe. In seinem Arbeitsleben hat er es geschafft, seine beiden Professionen und Leidenschaften zu verbinden. Was ziemlich genial ist, denn er mag Menschen, bietet psychologische Beratungen im Rahmen von geführten Touren an und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Entscheidungsfindung – auch im alpinen Kontext und wie man das in Ausbildungen schulen kann. Das vermittelt er auch in den Bergführerausbildungen verschiedener Länder. 

Im Gespräch: Pauli Trenkwalder, Bergführer & Psychologe
Interview: Peter Plattner

Pauli ist auch ein stiller Mitarbeiter der analyse:berg Redaktion, denn wir tauschen uns mit ihm regelmäßig über alle alpinen „Psychothemen“ aus und diskutieren regelmäßig, ob und warum welcher Umstand zu einem Unfall geführt hat oder nicht. So dankbar wir Pauli für seine Expertise sind, so mühsam ist es ihn dazu zu bewegen etwas zu schreiben oder z.B. auch beim Alpinforum aufzutreten. „Das sollen andere machen, die das besser können“, hören wir dann. Das stimmt zwar nicht, aber gegen einen guten Psychologen zu argumentieren ist schwierig und so freuen wir uns, dass wir ihn zu diesem Interview überreden haben können. Wir haben Pauli gefragt, wie Menschen und Bergsteiger Entscheidungen treffen, wie sie mit Lawinen, Unfällen und Fehlern umgehen und was eine gute Führungshaltung ausmacht.

Neben dem persönlichen Wissen, Können und der Erfahrung wird z. B. bei der Entscheidungsfindung und Beurteilung der Lawinengefahr regelmäßig auf die Bedeutung von „human factors“ hingewiesen. Wie relevant sind diese Faktoren?

Ich bin froh, dass in den Ausbildungen schon früh erkannt wurde, dass diese „weichen“ Faktoren wichtig sind und diese auch mehr und mehr behandelt werden. Für eine gute Entscheidungsfindung braucht es beides: gutes Faktenwissen und Erfahrung sowie auch ein wenig psychologisches Hintergrundwissen, um einordnen zu können, wie ich selbst funktioniere, wie Menschen Entscheidungen treffen und wo es Fallen gibt. Das alleine reicht aber nicht aus, zusätzlich braucht man auch eine Unterstützung z. B. durch gute Ausbildung. Schließlich geht es darum zu lernen, wie man seine Entscheidungen und Ziele so gestalten und erreichen kann, dass sie individuell zu einem passen, dass sie z. B. der persönlichen Risikobereitschaft, respektive dem Sicherheitswunsch, entsprechen. Klarerweise müssen wir hier immer zwischen privatem Bergsteigen und geführten Touren unterscheiden.

Im geführten Kontext haben Entscheidungen, die zu drastischen Konsequenzen führen, keinen Platz.

Aber die Lawinengefahr bleibt die gleiche …

Ja, die Lawinengefahr ist die gleiche. Aber wenn ich für mich privat unterwegs bin, dann treffe ich meine Entscheidungen je nachdem, was ich mir zutraue und welches Risiko – auch ein höheres – ich eingehen möchte. Das kann und darf ich so entscheiden, auch wenn die Konsequenzen im Endeffekt ernster oder fatal sind. Im geführten Kontext haben solche drastischen Konsequenzen keinen Platz. Hier muss ich alles in die Waagschale werfen, um gute Entscheidungen im Sinne von „vorsichtig unterwegs sein“ zu treffen. Das Hauptaugenmerk wird dabei natürlich auf das primäre Ziel, den Gipfel oder die Abfahrt, gelegt. Daneben schwingt aber auch – zumindest für mich – ein wichtiges Nebenziel mit, nämlich wieder heil unten anzukommen, damit die Menschen auch von ihrem Erlebnis berichten können.

In der letzten Ausgabe von analyse:berg haben wir uns die Unfälle im Führungskontext näher angesehen. Dabei haben wir festgestellt, dass die meisten dieser Unfälle nicht im Kontext mit seiltechnischen Herausforderungen – Gehen am kurzen Seil, Mitreiß- oder Abseilunfälle, etc. – passieren, sondern dass Berg- und Skiführer vor allem Probleme mit der Beurteilung der Lawinengefahr haben. Danach haben wir oft gehört, dass dafür der Druck der Gruppe vermutlich mitverantwortlich ist. Wie siehst du das?

Allein das Wort „Gruppendruck“ ist in Bergsteigerkreisen sehr bekannt, weil das jeder gleich einmal in den Mund nimmt. Aus meiner Erfahrung kann ich aber sagen, dass vor allem im Führungskontext Gruppendruck komplett überbewertet wird. In meiner Wahrnehmung findet dieser nicht statt. Es kann durchaus sein, dass in mir selbst als Führungsperson ein Druck stattfindet, der lautet: „Ich bin ein guter Bergführer, eine gute Bergführerin, wenn ich das Ziel erreiche, also von A nach B komme.“ Weniger aber, dass die Gruppe auf mich als Führungsperson einen Druck ausübt. Wenn ich frech bin, dann sage ich sogar, das wird oft als Ausrede benutzt. Im privaten Kontext kann man allerdings schon beobachten, dass sogenannte „Risikoschub-Phänomene“ stattfinden, wodurch die ganze Gruppe risikoreicher unterwegs ist. Im geführten Kontext sollten die Rollen aber klar verteilt und der Führungsperson bewusst sein, dass kein Druck auf ihr lastet oder auf sie ausgeübt wird, sondern dass der empfundene Druck Entscheidungen zu treffen, mit den Unsicherheiten in ihr selbst zu tun hat.

Und es ist eben diese Frage ,Was hat das mit mir zu tun?‘ ,die mich als Psychologen interessiert.

Es gibt Unfälle, bei denen junge Berg- und Skiführer sehr exponiert und steil ins offensichtliche Lawinengelände gefahren sind. Mit oder ohne Druck stellt sich dabei die Frage der Notwendigkeit. Wie kannst du dir erklären, dass Personen mit hochwertigen, aufwändigen Ausbildungen sich in ein solches Gelände wagen oder glauben, sie müssten das tun, um ihre Kunden oder sich selber zufrieden zu stellen?

Die Antwort kann nur eine Spekulation sein und ich weiß nicht, ob man sich darauf einlassen soll. Meine Frage ist: Haben wir Bergführer und Bergführerinnen eigentlich Führungsprinzipien, die beinhalten, wie wir unsere Arbeit gestalten und wie wir im Gelände Entscheidungen treffen wollen? Statt „Führungsprinzipien“ könnte man auch „Führungshaltung“ sagen. Eine solche Haltung kann z. B. sein: „Ich bin ein guter Bergführer, wenn ich die steilste Rinne, bzw. den schönsten Berg oder die wildeste Tour führe.“ Wenn die Antwort auf die Frage, was eine gute Führung ist bzw. was einen guten Bergführer ausmacht, über die Schiene „wild, exponiert und gewagt“ läuft, so ist das nicht mein Ansatz. Ich sehe das nicht so.

Berufsgruppen, die in einem Risikoumfeld Verantwortung für andere Menschen übernehmen, haben sich eine solche Haltung, solche Prinzipien zu eigen gemacht und standardisiert. Sie werden so ausgebildet, dass sie nach einem bestimmten Mindset arbeiten und entscheiden. Implizierst du, dass es das bei Bergführern nicht gibt?

Ja, aber ich kann das nur aus meiner Perspektive und Wahrnehmung beurteilen. Von mir als Bergführer würde ich sagen, dass ich im Führungskontext oft sehr defensiv unterwegs bin. Es ist nicht  immer leicht, Entscheidungen zu treffen, die lauten: „Bis hier her und nicht weiter“ – und dann gehen 25 andere Leute weiter an dir vorbei. Dadurch kommt man leicht in ein Gefühl der Rechtfertigung und der Erklärung, obwohl die Kunden das meistens gar nicht brauchen. Es hat etwas mit einem selbst zu tun. Und es ist eben diese Frage „Was hat das mit mir zu tun?“, die mich als Psychologen interessiert. Beitragen zu können, dass diese Frage ein wichtiger Teilbereich in der Ausbildung ist, ist mir wichtig.

Und was erklärst du in einer solchen Situation deinen Kunden?

Tatsächlich hat es nicht nur mit Erklärung oder Erklärungsnot zu tun. Vielmehr geht es um die Haltung, wie ich meinen Führungsalltag lebe. Diese Haltung nehmen Menschen wahr. Das ist der Grund, warum manche Leute mit mir gehen und warum andere nicht mit mir gehen. Das ist eine Frage der Ausdifferenzierung. Mitteilen meint, transparent sein und seine Führungsprinzipien laut ansprechen. Ein Führungsprinzip kann z. B. – wie bereits erwähnt – sein, den Gipfel zu erreichen. Sollte sich aber das Wetter anders verhalten als die Prognose, sprich eine Front kommt früher als angekündigt, dann lautet mein Führungsprinzip: Nein, ich will mit meinen Gästen nicht im Whiteout und in der Kälte zum Gipfel gehen, auch nicht für eine Stunde. In einer solchen Situation kann ich zu dem Punkt kommen, wo ich durch ständiges Abchecken der Situation die Entscheidung treffe, dass wir den Gipfel nicht erreichen werden, dass wir umdrehen, dass wir dem Hintergrundziel „heil unten ankommen“ folgen. Für meine Kunden muss ich meine Entscheidung eben auch operationalisieren: Es reicht nicht zu sagen: „Wenn es kalt wird, drehen wir um.“ Sondern ich erläutere im Detail, dass ich oben am Grat die Kälte nicht einmal für eine Stunde gemeinsam mit ihnen aushalten möchte.

Es geht um die Haltung, wie ich meinen Führungsalltag lebe. Diese Haltung nehmen Menschen wahr.

Wie vermittelt man diese Haltung in der Ausbildung?

Haltung hat immer auch mit Verhaltensänderung zu tun und das ist ein langer Prozess. Der erste  Schritt ist das Vorleben. Ich kann als Ausbilder nur weitergeben, wie ich selber die Welt sehe. Haltung hat schließlich immer etwas mit Werten zu tun. Es hängt also davon ab, wie ich für mich meinen Wertekompass ausrichte, wie ich mein Führen sehe.

In den Ausbildungen ist ein Argument, verschiedene Ausbilder zu haben sei gut, um mehrere Führungsstile zu sehen. Andererseits berichten Kursteilnehmer, dass sie dadurch komplett unterschiedlichen Herangehensweisen, Mindsets und Risikowerte vermittelt bekommen.

Als Berufsgemeinschaft wollen wir uns zwischen den Leitplanken, die vorgeben, wie wir mit Unsicherheiten und Entscheidungen umgehen, bewegen.

Kann das dennoch ein Vorteil sein, oder sollte in einer Ausbildung zumindest die grundlegende Haltung dieselbe sein?

Diese Erfahrung des Erlebens unterschiedlicher Ausbilder habe ich auch bei meiner eigenen Ausbildung gemacht. Mehrwert und Vorteil ist, dass man unterschiedliche Persönlichkeiten sieht und deren Umgang in der unsicheren Umgebung. Davon kann man definitiv etwas für sich mitnehmen. Gleichzeitig muss die Ausbildung aber definieren, zwischen welchen Leitplanken sie sich bewegt. Es darf also unterschiedliche Individuen als Ausbilder geben, aber als Berufsgemeinschaft wollen wir uns zwischen den Leitplanken, die vorgeben, wie wir mit Unsicherheiten und Entscheidungen umgehen, bewegen. Ob das nun in den verschiedenen Ausbildungen aktuell genauso umgesetzt wird, kann ich nicht beurteilen. Wenn es aber solche Fälle von offenbar großer Risikobereitschaft bei den frisch Ausgebildeten gibt, dann sollte man dies als Möglichkeit sehen, nicht nur in Rechtfertigung zu gehen, sondern hinzusehen, wo man ansetzen könnte, wo man die Ausbildung verbessern könnte.

Du wirst von einigen Bergführerverbänden immer wieder angefragt, eben diese gemeinsame Haltung der Berufsgemeinschaft zu thematisieren, manchmal auch im Unfallkontext. Wie gut funktioniert das?

In der Schweizer Bergführerausbildung bin ich als externer Referent zum Thema Leadership, einem Indoormodul, bei dem es um psychologische Themen geht, dabei. Meine Wahrnehmung ist, dass dieses Thema den Schweizer Bergführern wirklich ein Herzensanliegen und ein Kernthema ist und mein Input sehr wertgeschätzt wird – sowohl von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen als auch vom Verband. Etwas anderes ist es natürlich, wie ein Ausbilder das dann draußen im Gelände vorlebt und damit umgeht. Das ist aber auch eine Herausforderung, denn er bewegt sich im Spannungsfeld einerseits das Thema zu fördern, aber es andererseits in die klassische Führungsarbeit einzubauen. Denn Fördern bedeutet hier, in einen Bereich hineinzugehen, in dem gerade eine Entwicklung stattfindet, d. h. man muss auch über die etablierte Komfortzone hinaus gehen, in der man sich als guter Führer ja zum Glück oft befindet.

Wie sieht dieser Input konkret aus?

Als eine Art roter Faden dient die Frage, was gute Führung ausmacht. Reale Fallbeispiele sind ein zentrales Element und werden sehr geschätzt. Teilweise vereinfachen wir diese ein wenig, damit sich jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin auch gut in die beschriebenen Situationen hineinversetzen kann. In Kleingruppen wird dann erarbeitet, wie man in diesen Situationen entscheiden würde. Dabei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um ein „Sich-Ausprobieren“ auf einer sicheren Bühne, um zu sehen, welche Konsequenzen zu erwarten sind. Im Prinzip geht es dabei um das Etablieren einer Fehlerkultur. Aus der Forschung weiß man, dass man aus den eigenen Fehlern nicht so viel lernt, sondern aus den Fehlern anderer am meisten herauszieht. Außerdem sprechen wir über Angst, über Panik, über Führungsprinzipien, über Entscheidungsfindungen usw. Auf jeden Fall ein spannendes zweitägiges Modul.

Ich nehme das genau umgekehrt wahr: Aus den Fehlern anderer zu lernen, ist für mich schwer. Ich lerne am meisten, wenn es für mich persönlich schmerzhaft ist oder ich emotional betroffen bin. Dem würdest du also widersprechen?

Nein, dem widerspreche nicht ich und ich möchte auch deine Wahrnehmung nicht anzweifeln, aber in der psychologischen Forschung ist man eben durch Untersuchungen zu dieser Ansicht gekommen. Warum lernt man aus eigenen Fehlern nicht so gut? Das hat vor allem damit zu tun, dass man seinen Selbstwert aufrecht erhalten möchte. Man wird also alles dafür tun, sein Selbstbild nicht zu beschädigen und die Sache schönzureden oder 

Warum man aus eigenen Fehlern nicht so gut lernt? Das hat vor allem damit zu tun, dass man seinen Selbstwert aufrecht erhalten möchte.

Um aus den eigenen Fehlern zu lernen, braucht man eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion.

zu rechtfertigen. Wenn es aber um Fehler geht, die von anderen gemacht worden sind und die Person selbst von diesen Fehlern berichtet und das darlegt, dann können Menschen das leichter annehmen. Ich muss mich nicht mit dem eigenen Selbstbild bewusst oder unbewusst beschäftigen. Um aus den eigenen Fehlern zu lernen, braucht man eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion und muss vielleicht auch in den Austausch mit anderen gehen.

Ich spiele darauf an, dass bei Vorträgen oder auch in den sozialen Medien viele Lawinenunfälle gezeigt werden. Man sieht gruselige Bilder, hat dazu aber wenig Kontext. Ich denke mir dabei oft: „Zum Glück ist das mir nicht passiert“. Reichen Bilder oder ein schauriges Gefühl schon aus, um etwas zu lernen?

Ich bin kein Medienexperte, aber für mich klingt das eher nach Ausrede. Das ist keine Auseinandersetzung mit dem wirklichen Drama, welches bei so einem Lawinenunfall passiert. Hier fehlen die Fakten, das komplette Hintergrundgeschehen, wie und warum was wozu geführt hat. Das würde ich also nicht als Lernen bezeichnen, sondern eher als Ausrede, dass ich mir das voyeuristisch ansehen darf.

In den letzten Jahren hat sich beim Thema „Lawine“ viel getan: angefangen von Munter und der Kommunikation der Lawinenprobleme bis hin zur einheitlichen Sprache der Lawinenwarndienste. Man bekommt viele Informationen sehr gut aufbereitet. Merkst du bei deinen Kursen, dass die Teilnehmer fachlich besser und kompetenter, vielleicht auch entspannter damit umgehen?

Was ich auf jeden Fall bemerke, ist, dass Leute, die sich für das Thema interessieren, heute deutlich besser vorbereitet sind und ein umfangreicheres Wissen haben als früher. Früher hatte der Bergführer das komplette Fachwissen, sogar „Geheimwissen“ inne, etwas, das man als normaler Skitourengeher gar nicht erlangen konnte. Heute besteht meine Aufgabe in der Ausbildung oft darin, jenes Wissen, welches sich die Teilnehmer selbst angeeignet haben, einzuordnen und abzuwägen, wo was hingehört. Es gilt herauszufinden, ob man Moderator oder Aufklärer ist oder derjenige, der strukturiert und noch einmal unterstützt, was welche Gewichtung bekommt. Menschen haben heute jedenfalls viele Möglichkeiten, sich gut zu informieren. Aus diesem Grund muss ich inzwischen aber auch selbst besser vorbereitet sein, muss meine Ausführungen und Argumente immer belegen können. Dabei lege ich außerdem viel Wert auf Transparenz. Die Leute wollen mitgenommen werden, sie wollen Dinge verstehen und warum soll ich Themen und Kontexte nicht so vereinfachen, dass sie sie besser verstehen oder einordnen können? Damit ist der nächste Schritt vorbereitet, nämlich, dass sie sich noch tiefer informieren wollen. Ich sehe also die Rolle von uns Bergführern und Bergführerinnen auch darin, Dinge einzuordnen und eine Orientierung zu geben. Dafür muss man aber natürlich selbst sehr gut ausgebildet und auf dem aktuellen Stand sein.

Ich kann mich selber informieren, ausbilden und eigenverantwortlich entscheiden oder die KI entscheiden lassen, von der ja manche – auch was die Lawinengefahr betrifft – glauben, dass sie „besser“ ist. Wie erklärst du dir das?

Ich glaube, dass es für viele Menschen einfach eine Erleichterung ist, wenn jemand anderer Entscheidungen für sie trifft – ob das eine KI oder sonst jemand ist.

Gibt es unter diesen beiden Gruppen eine gemeinsame Sprache, oder sind das zwei verschiedene Welten?

(Seufzt) Eine Pauschalantwort ist hier nicht möglich …   

… aber immer noch gibt es tapfere Kämpfer, die der Meinung sind, dass bei der Lawinenbeurteilung die probabilistischen Methoden besser als die analytischen oder intuitiven sind …

Meine Erfahrung ist, dass unsere Kunden mit viel weniger zufrieden und glücklich sind, als wir Führungspersonen oft glauben.

 … was genau einen Konflikt beschreibt. Das ist wie Pingpong spielen: Ich habe recht, du hast recht. Wenn ich den Fokus auf die Menschen lege, die draußen Entscheidungen treffen wollen, dann geht es nicht darum, ob du oder ich recht haben, sondern darum, dass man versucht herauszufinden, was vom aktuellen Stand der Wissenschaft bis hin zur Wahrscheinlichkeit – also von der Analytik bis hin zur Probabilistik – greifbar und überhaupt dienlich ist. Ich starte mit meinen Gästen schließlich auch nicht mit dem Hauptziel, unter keine Lawine zu kommen. Wir gehen auf Skitour, um gemeinsam ein schönes Erlebnis zu haben. Zu meiner Aufgabe gehört es, Entscheidungen in dieser unsicheren Welt der Lawinengefahr zu treffen, aber Menschen gehen nicht primär auf Skitour, um Lawinen auszustellen.

Manchmal hat man aber dieses Gefühl und man muss sich fast schämen, wenn die Lawinengefahr nicht das permanente Hauptthema ist. Woher kommt das?

Es gehört durchaus zu meiner Arbeit als Bergführer, dass das Thema „Lawine“ im Hintergrund ständig mitläuft. Das ist schließlich Teil meines Kompetenzbereichs, ich darf das nicht ausblenden. Aber das ist nicht der Fokus, mit dem ich auf Skitour gehe – schon gar nicht, wenn ich privat unterwegs bin. Der Fokus ist, dass meine Kunden eine schöne und gute Zeit erleben! Und das bedeutet nicht, dass es eine ultimativ mega riesige Tour ist. Meine Erfahrung ist, dass unsere Kunden mit viel weniger zufrieden und glücklich sind, als wir Führungspersonen oft glauben.

Die Zahl der Lawinentoten war immer schon gering und sinkt weiter, tödliche Skitourenunfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Problemen nehmen zu und regelmäßig sterben Skitourengeher durch Stürze und Abstürze. Dennoch ist für die Skitourencommunity selbst und für die Medien der Lawinenunfall unangefochten das mit Abstand prominenteste Thema und Problem. Man leistet sich die ganze Infrastruktur der Lawinenwarndienste, um primär die Skisportler zu servicieren. Warum ist „die Lawine“ so präsent?

Ich glaube, für Menschen ist Natur generell und im Besonderen das Erleben der Bergwelt etwas Gewaltiges. Zum großen Teil ist sie schön, aber auch imposant – und von imposant wird sie zu gewaltig. Im Hintergrund rauscht immer mit, dass es jederzeit vom „jetzt schön“ zum „jetzt tödlich“ oder zumindest gefährlich werden kann. Menschen, die sich der Natur aussetzen, erleben das so. Ich kann allerdings die Dosis wohlen. Wenn man eine Modeskitour geht, auf der 150 Leute unterwegs sind, dann passiert das „sich der Naturgewalt aussetzen“ in einer anderen Dosis, als wenn ich allein in einem anspruchsvollen Gelände unterwegs bin und die Tour selbst anspure. Ich glaub, dass sich Mensch darin recht gut regulieren können, im Sinne von: Wie viel dieser Gewalt der Natur will ich mich aussetzen, wie viel möchte ich davon erleben oder spüren?

Und um beim Thema Lawine zu bleiben: Unsicherheit hat mit Kontrollverlust zu tun. Wenn ich aber etwas im Griff habe und ich das Gefühl habe, ich kann es kontrollieren – auch wenn das vielleicht gar nicht stimmt –, gibt mir das das Gefühl handlungsfähig zu bleiben und so draußen weiter unterwegs sein zu können. Allein, wenn man sich die Sprache ansieht: Man hat das „Lawinenrisiko“, man betreibt ein „Risikomanagement“ und zum Schluss kommt ein „Restrisiko“ heraus. Es gibt Menschen, die können mit dem Restrisiko leben. Der schönere Begriff anstelle von Risiko ist meiner Ansicht nach „Unsicherheit“. Risiko ist gemäß Definition kalkulierbar, Unsicherheit nicht. Das macht es zwar nicht besser, aber ich fühle mich ehrlicher  damit. Dieses Verständnis beeinflusst meine Haltung, sowohl persönlich als auch im professionellen Kontext.

Unsicherheit hat mit Kontrollverlust zu tun.

Bergsteigen ist mittlerweile zum Bergsport und damit messbar geworden. Höhenmeter, Zeiten, Neuschneemengen, Skitourenflugreisen und Likes lassen sich besser verkaufen und scheinen vielen wichtiger zu sein, als eine gute Zeit am Berg mit Freunden. Du hast angesprochen, dass aber eben diese Qualität für private und geführte Gruppen das eigentliche Ziel sein müsste, auch im Unfallkontext. Wie lässt sich das erreichen?

Ich denke, man muss akzeptieren, dass viele verschiedene Sachen stattfinden dürfen. Ob ich das gut oder schlecht finde, ist nur eine persönliche Meinung, die nichts zur Sache tut. Ich für mich möchte aber definieren, wie ich mein Bergsteigen betreiben will. Allerdings muss ich für meine Definition nicht andere abwerten und mich aufwerten. Ich weiß aber, mit welchen Werten ich im professionellen Kontext Menschen draußen begleiten möchte. Ob ich damit erfolgreich bin – sprich, ob ich davon leben und mich ernähren kann –, ist eine andere Frage. Ich habe hier also meinen Grundsatz mit meinen Werten und Vorstellungen, andere dürfen es aber anders machen; im privaten Kontext wohlgemerkt. In der Berufsgemeinschaft der Bergführer hingegen kann man nicht pauschal sagen, jeder soll es machen dürfen, wie er will. Als Profis müssen wir eine Entwicklung zeigen, uns anpassen, gelegentlich an Stellschrauben drehen, um auch immer die Kompetenzträger zu sein. Wenn du zuvor von den Unfällen im Führungskontext berichtet hast, weiß ich nicht, wie ich mit diesen Zahlen umgehen soll. Gut sehen sie nicht aus.

Diskutiert man darüber, argumentieren einige Kollegen, dass es ihre Aufgabe sei, ihren Kunden gegen Honorar etwas zu bieten, das diese sich alleine nie trauen würden. Deshalb fahren sie natürlich steiler und exponierter.

Ich kenne und verstehe diese Aussage, aber ich halte dagegen, dass wir als Bergführer nicht davon reden können, dass es die Kunden sind, die das verlangen und dafür zahlen. Ich definiere selbst, wie Bergführern stattfindet und andere Dinge finden dann eben nicht statt. In einem Kurs kann ich dich gut ausbilden, kann ich dir viel Fachwissen und Technik vermitteln, damit du für dich persönlich dann jene Dinge tun kannst, die du gerne machst. Ich verkaufe als Bergführer keine Absolutionen. Kunden, die das möchten, führe ich nicht.

Okay, ich möchte meine Kunden also ausbilden. Was muss ich als Bergführer dafür mitbringen? Erfahrung, hohes Eigenkönnen oder pädagogisches Geschick und Empathie?

Ich drehe den Spieß um und stelle mir vor, ich bin selbst wieder in der Ausbildung. Was möchte ich von einem Ausbilder, von einer Ausbilderin mitnehmen? Natürlich muss diese Person für mich fachkompetent sein – das ist die Grundlage. Darüber hinaus muss diese Person Fähigkeiten hinsichtlich Führungstechniken haben und diese auch methodisch und didaktisch geschickt transportieren können, schließlich möchte ich diesen Beruf erlernen. Ich erwarte mir also, dass mir diese Person die einschlägigen Sachverhalte so gut oder so lange erklärt, bis ich sie verstanden habe und umsetzen kann. Im Weiteren ist es zentral, wie diese Führungsperson mit Menschen umgeht. Der Beruf hat immerhin mit Menschen zu tun und diese „weichen“ Faktoren sind ein zentraler Bestandteil im Führungskontext, z. B. die Bewältigung stressiger Situationen, der Umgang mit schwierigen Gästen, mit Rückmeldungen u. v. m. Wenn wir ein solches Konglomerat an Ausbilder haben, würden wir sagen: wunderbar! Wenn eine Person das ein oder andere nur mehr oder weniger kann, dann findet ein Ausgleich im Ausbildungsteam statt und das darf auch absolut so sein. Es darf die Person geben, die kompetenter im Fachwissen ist und es darf die Person geben, die kompetenter im Führungskontext ist. So würde ich mir das vorstellen und ich kenne auch genau solche Ausbilder und Ausbilderinnen.

Macht es in der Ausbildung und Arbeit einen Unterschied, ob jemand hauptberuflich als Bergführer unterwegs ist oder das nur gelegentlich als Nebenjob oder Hobby macht?

Ich bin der Meinung, eine Motivation in der Ausbildung muss sehr wohl sein, dass ich das Bergführen als Hauptberuf ausüben möchte. Das muss es nach der Ausbildung auch weiterhin bleiben, da nur über diese Berufsschiene auch eine gute, durchgängige Qualität garantiert werden kann. Die zuvor beschriebenen Entwicklungen und Neuerungen in der Ausbildung lassen sich auch nur über das Engagement von hauptberuflichen Bergführern und Bergführerinnen durchführen, Hobbybergführer haben daran verständlicherweise weniger Interesse.

Bei Unfällen sind wir Sachverständige aufgerufen, aus der ex-ante-Sicht eine Beurteilung abzugeben. Wie kann man Unfälle im Nachhinein so aufbereiten, dass man aus den Fehlern anderer etwas lernen kann?

Die Frage, die sich mir aufdrängt: Sind Unfall und Fehler das Gleiche? Wir haben vorher darüber gesprochen, dass man aus Fehlern anderer lernen kann. Sicher kann man davon ausgehen, dass es, wenn es zu einem Unfall kommt, im Vorfeld irgendeinen Entscheidungsfehler gegeben hat …

… aber es führen ja nicht alle Fehler zu Unfällen. Aber wenn ein Unfall passiert ist, geht es darum herauszufinden, welche Fehler kausal waren und ob sie vermeidbar gewesen wären.

Man muss nur aufpassen, dass man nicht unter dem „Rückschaufehler“ leidet. Blickt man auf einen Unfall, muss man sich in die Situation der Führungsperson, die in diesem Moment nicht wissen konnte, wie die Sache ausgeht, versetzen. Es braucht empathisch dafür Verständnis, warum und wie die Person entschieden hat. Also nicht eine verurteilende Haltung, denn es ist davon auszugehen, dass diese Person in die Berge gegangen ist, um ihre Sache gut zu machen. Hätte sie gewusst, dass sie in einen Unfall hineinläuft, hätte sie anders entschieden.

Die Menschen haben vergessen, dass man in den Bergen umkommen kann.

Man muss nicht jeden Unfall analysieren und an die Öffentlichkeit bringen.

Was ist der Grund, warum Bergsteiger, die selbst Respekt oder Sorge haben müssten, das ihnen mal etwas ähnliches passieren kann, nach Unfällen schnell vorverurteilen und nicht abwarten, bis man alle Umstände kennt?

Es sollte aber auch nicht so sein, dass man niemals etwas sagen darf, weil es mir selber auch passieren könnte – das kann es auch nicht sein … Aber deine Frage spielt auf die Motivation an, warum Menschen das tun? Ich glaub, man muss nicht jeden Unfall analysieren und an die Öffentlichkeit bringen. Schließlich gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten, in Österreich etwa die Alpinpolizei, die den Fall aufnimmt. Es gibt Gutachter, die den Fall gemäß ihrer Profession anschauen, es gibt die Zuständigen, die den Fall rechtlich aufarbeiten usw. Nicht aus jedem Unfall muss man eine Lehre ziehen. Beim Abseilen weiß man, dass man abstürzen kann und auch wie der entsprechende Unfallmechanismus aussieht. Das ist zigmal veröffentlicht, bekannt und wird ausgebildet – was soll man da also noch lernen?

Aber wo bleibt die Empathie nach solchen Unfällen …

… Empathie ist für mich in erster Linie, dass man zuerst an die verletzte oder gar tödlich verunglückte Person denkt, die irgendwo irgendjemandem fehlt. Dafür Mitgefühl zu haben ist das, was ich zeigen möchte. Zu diesem Mitgefühl gehört auch, dass man das nicht öffentlich an die große Glocke hängt. Wenn nach einem Unfall Menschen sofort mit Schuldzuweisungen und Besserwisserei zur Stelle sind, dann impliziert das vielleicht, dass sie es besser gewusst hätten. Ich weiß auch nicht, warum Menschen das tun. Aber wenn man sagt: „Das hätte er erkennen müssen“, dann bedeutet das: „Ich habe es gesehen, ich hätte die Kontrolle gehabt und dadurch wäre alles nicht so schlimm gewesen.“ Ich glaube, Menschen machen das, weil es sonst nicht „aushaltbar“ ist. Schwierige Situationen auszuhalten ist echt schwierig. Menschen gehen in die Rechtfertigung, in die Verurteilung. Letztendlich ist es ein Abwerten – sprich ich werte die Gegenseite ab und werte mich damit auf.

Muss man akzeptieren, dass man beim Skitourengehen unter einer Lawine sterben kann?

Das hat nichts mit Akzeptieren zu tun. Eine Lawine ist tödlich. Ich glaube, Menschen haben vergessen, dass man in den Bergen umkommen kann. Wenn ich privat in die Berge gehe, dann ist das auch vollkommen in Ordnung, anders ist es im Führungskontext. Die Naturgewalt kann eben auch dazu führen, dass die Tour nicht gut endet. Menschen beschreiben das da draußen immer als so schön und fühlen sich immer so frei und alles ist immer so positiv besetzt. Das ist es auch, alles in Ordnung. Aber im Hintergrund schwingt immer mit, dass es von jetzt auf sofort von schön in brutal wechseln kann. Und im Brutalen der Natur steckt eben auch der Tod – das gehört dazu. Als Bergführer möchte ich dort aber nicht hinkommen.

Das Gespräch wurde von Christina Schwann verschriftlicht.
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