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Ronja

| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Die Haltung am Berg. analyse:berg Winter 2024/25

By Interview
Interview erschienen in analyse:berg des ÖKAS Winter 2024/25

Der Südtiroler Pauli Trenkwalder ist seit Jahrzehnten Bergführer und Ausbilder. Ebenso lange ist er auch klinischer Psychologe. In seinem Arbeitsleben hat er es geschafft, seine beiden Professionen und Leidenschaften zu verbinden. Was ziemlich genial ist, denn er mag Menschen, bietet psychologische Beratungen im Rahmen von geführten Touren an und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Entscheidungsfindung – auch im alpinen Kontext und wie man das in Ausbildungen schulen kann. Das vermittelt er auch in den Bergführerausbildungen verschiedener Länder. 

Im Gespräch: Pauli Trenkwalder, Bergführer & Psychologe
Interview: Peter Plattner

Pauli ist auch ein stiller Mitarbeiter der analyse:berg Redaktion, denn wir tauschen uns mit ihm regelmäßig über alle alpinen „Psychothemen“ aus und diskutieren regelmäßig, ob und warum welcher Umstand zu einem Unfall geführt hat oder nicht. So dankbar wir Pauli für seine Expertise sind, so mühsam ist es ihn dazu zu bewegen etwas zu schreiben oder z.B. auch beim Alpinforum aufzutreten. „Das sollen andere machen, die das besser können“, hören wir dann. Das stimmt zwar nicht, aber gegen einen guten Psychologen zu argumentieren ist schwierig und so freuen wir uns, dass wir ihn zu diesem Interview überreden haben können. Wir haben Pauli gefragt, wie Menschen und Bergsteiger Entscheidungen treffen, wie sie mit Lawinen, Unfällen und Fehlern umgehen und was eine gute Führungshaltung ausmacht.

Neben dem persönlichen Wissen, Können und der Erfahrung wird z. B. bei der Entscheidungsfindung und Beurteilung der Lawinengefahr regelmäßig auf die Bedeutung von „human factors“ hingewiesen. Wie relevant sind diese Faktoren?

Ich bin froh, dass in den Ausbildungen schon früh erkannt wurde, dass diese „weichen“ Faktoren wichtig sind und diese auch mehr und mehr behandelt werden. Für eine gute Entscheidungsfindung braucht es beides: gutes Faktenwissen und Erfahrung sowie auch ein wenig psychologisches Hintergrundwissen, um einordnen zu können, wie ich selbst funktioniere, wie Menschen Entscheidungen treffen und wo es Fallen gibt. Das alleine reicht aber nicht aus, zusätzlich braucht man auch eine Unterstützung z. B. durch gute Ausbildung. Schließlich geht es darum zu lernen, wie man seine Entscheidungen und Ziele so gestalten und erreichen kann, dass sie individuell zu einem passen, dass sie z. B. der persönlichen Risikobereitschaft, respektive dem Sicherheitswunsch, entsprechen. Klarerweise müssen wir hier immer zwischen privatem Bergsteigen und geführten Touren unterscheiden.

Im geführten Kontext haben Entscheidungen, die zu drastischen Konsequenzen führen, keinen Platz.

Aber die Lawinengefahr bleibt die gleiche …

Ja, die Lawinengefahr ist die gleiche. Aber wenn ich für mich privat unterwegs bin, dann treffe ich meine Entscheidungen je nachdem, was ich mir zutraue und welches Risiko – auch ein höheres – ich eingehen möchte. Das kann und darf ich so entscheiden, auch wenn die Konsequenzen im Endeffekt ernster oder fatal sind. Im geführten Kontext haben solche drastischen Konsequenzen keinen Platz. Hier muss ich alles in die Waagschale werfen, um gute Entscheidungen im Sinne von „vorsichtig unterwegs sein“ zu treffen. Das Hauptaugenmerk wird dabei natürlich auf das primäre Ziel, den Gipfel oder die Abfahrt, gelegt. Daneben schwingt aber auch – zumindest für mich – ein wichtiges Nebenziel mit, nämlich wieder heil unten anzukommen, damit die Menschen auch von ihrem Erlebnis berichten können.

In der letzten Ausgabe von analyse:berg haben wir uns die Unfälle im Führungskontext näher angesehen. Dabei haben wir festgestellt, dass die meisten dieser Unfälle nicht im Kontext mit seiltechnischen Herausforderungen – Gehen am kurzen Seil, Mitreiß- oder Abseilunfälle, etc. – passieren, sondern dass Berg- und Skiführer vor allem Probleme mit der Beurteilung der Lawinengefahr haben. Danach haben wir oft gehört, dass dafür der Druck der Gruppe vermutlich mitverantwortlich ist. Wie siehst du das?

Allein das Wort „Gruppendruck“ ist in Bergsteigerkreisen sehr bekannt, weil das jeder gleich einmal in den Mund nimmt. Aus meiner Erfahrung kann ich aber sagen, dass vor allem im Führungskontext Gruppendruck komplett überbewertet wird. In meiner Wahrnehmung findet dieser nicht statt. Es kann durchaus sein, dass in mir selbst als Führungsperson ein Druck stattfindet, der lautet: „Ich bin ein guter Bergführer, eine gute Bergführerin, wenn ich das Ziel erreiche, also von A nach B komme.“ Weniger aber, dass die Gruppe auf mich als Führungsperson einen Druck ausübt. Wenn ich frech bin, dann sage ich sogar, das wird oft als Ausrede benutzt. Im privaten Kontext kann man allerdings schon beobachten, dass sogenannte „Risikoschub-Phänomene“ stattfinden, wodurch die ganze Gruppe risikoreicher unterwegs ist. Im geführten Kontext sollten die Rollen aber klar verteilt und der Führungsperson bewusst sein, dass kein Druck auf ihr lastet oder auf sie ausgeübt wird, sondern dass der empfundene Druck Entscheidungen zu treffen, mit den Unsicherheiten in ihr selbst zu tun hat.

Und es ist eben diese Frage ,Was hat das mit mir zu tun?‘ ,die mich als Psychologen interessiert.

Es gibt Unfälle, bei denen junge Berg- und Skiführer sehr exponiert und steil ins offensichtliche Lawinengelände gefahren sind. Mit oder ohne Druck stellt sich dabei die Frage der Notwendigkeit. Wie kannst du dir erklären, dass Personen mit hochwertigen, aufwändigen Ausbildungen sich in ein solches Gelände wagen oder glauben, sie müssten das tun, um ihre Kunden oder sich selber zufrieden zu stellen?

Die Antwort kann nur eine Spekulation sein und ich weiß nicht, ob man sich darauf einlassen soll. Meine Frage ist: Haben wir Bergführer und Bergführerinnen eigentlich Führungsprinzipien, die beinhalten, wie wir unsere Arbeit gestalten und wie wir im Gelände Entscheidungen treffen wollen? Statt „Führungsprinzipien“ könnte man auch „Führungshaltung“ sagen. Eine solche Haltung kann z. B. sein: „Ich bin ein guter Bergführer, wenn ich die steilste Rinne, bzw. den schönsten Berg oder die wildeste Tour führe.“ Wenn die Antwort auf die Frage, was eine gute Führung ist bzw. was einen guten Bergführer ausmacht, über die Schiene „wild, exponiert und gewagt“ läuft, so ist das nicht mein Ansatz. Ich sehe das nicht so.

Berufsgruppen, die in einem Risikoumfeld Verantwortung für andere Menschen übernehmen, haben sich eine solche Haltung, solche Prinzipien zu eigen gemacht und standardisiert. Sie werden so ausgebildet, dass sie nach einem bestimmten Mindset arbeiten und entscheiden. Implizierst du, dass es das bei Bergführern nicht gibt?

Ja, aber ich kann das nur aus meiner Perspektive und Wahrnehmung beurteilen. Von mir als Bergführer würde ich sagen, dass ich im Führungskontext oft sehr defensiv unterwegs bin. Es ist nicht  immer leicht, Entscheidungen zu treffen, die lauten: „Bis hier her und nicht weiter“ – und dann gehen 25 andere Leute weiter an dir vorbei. Dadurch kommt man leicht in ein Gefühl der Rechtfertigung und der Erklärung, obwohl die Kunden das meistens gar nicht brauchen. Es hat etwas mit einem selbst zu tun. Und es ist eben diese Frage „Was hat das mit mir zu tun?“, die mich als Psychologen interessiert. Beitragen zu können, dass diese Frage ein wichtiger Teilbereich in der Ausbildung ist, ist mir wichtig.

Und was erklärst du in einer solchen Situation deinen Kunden?

Tatsächlich hat es nicht nur mit Erklärung oder Erklärungsnot zu tun. Vielmehr geht es um die Haltung, wie ich meinen Führungsalltag lebe. Diese Haltung nehmen Menschen wahr. Das ist der Grund, warum manche Leute mit mir gehen und warum andere nicht mit mir gehen. Das ist eine Frage der Ausdifferenzierung. Mitteilen meint, transparent sein und seine Führungsprinzipien laut ansprechen. Ein Führungsprinzip kann z. B. – wie bereits erwähnt – sein, den Gipfel zu erreichen. Sollte sich aber das Wetter anders verhalten als die Prognose, sprich eine Front kommt früher als angekündigt, dann lautet mein Führungsprinzip: Nein, ich will mit meinen Gästen nicht im Whiteout und in der Kälte zum Gipfel gehen, auch nicht für eine Stunde. In einer solchen Situation kann ich zu dem Punkt kommen, wo ich durch ständiges Abchecken der Situation die Entscheidung treffe, dass wir den Gipfel nicht erreichen werden, dass wir umdrehen, dass wir dem Hintergrundziel „heil unten ankommen“ folgen. Für meine Kunden muss ich meine Entscheidung eben auch operationalisieren: Es reicht nicht zu sagen: „Wenn es kalt wird, drehen wir um.“ Sondern ich erläutere im Detail, dass ich oben am Grat die Kälte nicht einmal für eine Stunde gemeinsam mit ihnen aushalten möchte.

Es geht um die Haltung, wie ich meinen Führungsalltag lebe. Diese Haltung nehmen Menschen wahr.

Wie vermittelt man diese Haltung in der Ausbildung?

Haltung hat immer auch mit Verhaltensänderung zu tun und das ist ein langer Prozess. Der erste  Schritt ist das Vorleben. Ich kann als Ausbilder nur weitergeben, wie ich selber die Welt sehe. Haltung hat schließlich immer etwas mit Werten zu tun. Es hängt also davon ab, wie ich für mich meinen Wertekompass ausrichte, wie ich mein Führen sehe.

In den Ausbildungen ist ein Argument, verschiedene Ausbilder zu haben sei gut, um mehrere Führungsstile zu sehen. Andererseits berichten Kursteilnehmer, dass sie dadurch komplett unterschiedlichen Herangehensweisen, Mindsets und Risikowerte vermittelt bekommen.

Als Berufsgemeinschaft wollen wir uns zwischen den Leitplanken, die vorgeben, wie wir mit Unsicherheiten und Entscheidungen umgehen, bewegen.

Kann das dennoch ein Vorteil sein, oder sollte in einer Ausbildung zumindest die grundlegende Haltung dieselbe sein?

Diese Erfahrung des Erlebens unterschiedlicher Ausbilder habe ich auch bei meiner eigenen Ausbildung gemacht. Mehrwert und Vorteil ist, dass man unterschiedliche Persönlichkeiten sieht und deren Umgang in der unsicheren Umgebung. Davon kann man definitiv etwas für sich mitnehmen. Gleichzeitig muss die Ausbildung aber definieren, zwischen welchen Leitplanken sie sich bewegt. Es darf also unterschiedliche Individuen als Ausbilder geben, aber als Berufsgemeinschaft wollen wir uns zwischen den Leitplanken, die vorgeben, wie wir mit Unsicherheiten und Entscheidungen umgehen, bewegen. Ob das nun in den verschiedenen Ausbildungen aktuell genauso umgesetzt wird, kann ich nicht beurteilen. Wenn es aber solche Fälle von offenbar großer Risikobereitschaft bei den frisch Ausgebildeten gibt, dann sollte man dies als Möglichkeit sehen, nicht nur in Rechtfertigung zu gehen, sondern hinzusehen, wo man ansetzen könnte, wo man die Ausbildung verbessern könnte.

Du wirst von einigen Bergführerverbänden immer wieder angefragt, eben diese gemeinsame Haltung der Berufsgemeinschaft zu thematisieren, manchmal auch im Unfallkontext. Wie gut funktioniert das?

In der Schweizer Bergführerausbildung bin ich als externer Referent zum Thema Leadership, einem Indoormodul, bei dem es um psychologische Themen geht, dabei. Meine Wahrnehmung ist, dass dieses Thema den Schweizer Bergführern wirklich ein Herzensanliegen und ein Kernthema ist und mein Input sehr wertgeschätzt wird – sowohl von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen als auch vom Verband. Etwas anderes ist es natürlich, wie ein Ausbilder das dann draußen im Gelände vorlebt und damit umgeht. Das ist aber auch eine Herausforderung, denn er bewegt sich im Spannungsfeld einerseits das Thema zu fördern, aber es andererseits in die klassische Führungsarbeit einzubauen. Denn Fördern bedeutet hier, in einen Bereich hineinzugehen, in dem gerade eine Entwicklung stattfindet, d. h. man muss auch über die etablierte Komfortzone hinaus gehen, in der man sich als guter Führer ja zum Glück oft befindet.

Wie sieht dieser Input konkret aus?

Als eine Art roter Faden dient die Frage, was gute Führung ausmacht. Reale Fallbeispiele sind ein zentrales Element und werden sehr geschätzt. Teilweise vereinfachen wir diese ein wenig, damit sich jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin auch gut in die beschriebenen Situationen hineinversetzen kann. In Kleingruppen wird dann erarbeitet, wie man in diesen Situationen entscheiden würde. Dabei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um ein „Sich-Ausprobieren“ auf einer sicheren Bühne, um zu sehen, welche Konsequenzen zu erwarten sind. Im Prinzip geht es dabei um das Etablieren einer Fehlerkultur. Aus der Forschung weiß man, dass man aus den eigenen Fehlern nicht so viel lernt, sondern aus den Fehlern anderer am meisten herauszieht. Außerdem sprechen wir über Angst, über Panik, über Führungsprinzipien, über Entscheidungsfindungen usw. Auf jeden Fall ein spannendes zweitägiges Modul.

Ich nehme das genau umgekehrt wahr: Aus den Fehlern anderer zu lernen, ist für mich schwer. Ich lerne am meisten, wenn es für mich persönlich schmerzhaft ist oder ich emotional betroffen bin. Dem würdest du also widersprechen?

Nein, dem widerspreche nicht ich und ich möchte auch deine Wahrnehmung nicht anzweifeln, aber in der psychologischen Forschung ist man eben durch Untersuchungen zu dieser Ansicht gekommen. Warum lernt man aus eigenen Fehlern nicht so gut? Das hat vor allem damit zu tun, dass man seinen Selbstwert aufrecht erhalten möchte. Man wird also alles dafür tun, sein Selbstbild nicht zu beschädigen und die Sache schönzureden oder 

Warum man aus eigenen Fehlern nicht so gut lernt? Das hat vor allem damit zu tun, dass man seinen Selbstwert aufrecht erhalten möchte.

Um aus den eigenen Fehlern zu lernen, braucht man eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion.

zu rechtfertigen. Wenn es aber um Fehler geht, die von anderen gemacht worden sind und die Person selbst von diesen Fehlern berichtet und das darlegt, dann können Menschen das leichter annehmen. Ich muss mich nicht mit dem eigenen Selbstbild bewusst oder unbewusst beschäftigen. Um aus den eigenen Fehlern zu lernen, braucht man eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion und muss vielleicht auch in den Austausch mit anderen gehen.

Ich spiele darauf an, dass bei Vorträgen oder auch in den sozialen Medien viele Lawinenunfälle gezeigt werden. Man sieht gruselige Bilder, hat dazu aber wenig Kontext. Ich denke mir dabei oft: „Zum Glück ist das mir nicht passiert“. Reichen Bilder oder ein schauriges Gefühl schon aus, um etwas zu lernen?

Ich bin kein Medienexperte, aber für mich klingt das eher nach Ausrede. Das ist keine Auseinandersetzung mit dem wirklichen Drama, welches bei so einem Lawinenunfall passiert. Hier fehlen die Fakten, das komplette Hintergrundgeschehen, wie und warum was wozu geführt hat. Das würde ich also nicht als Lernen bezeichnen, sondern eher als Ausrede, dass ich mir das voyeuristisch ansehen darf.

In den letzten Jahren hat sich beim Thema „Lawine“ viel getan: angefangen von Munter und der Kommunikation der Lawinenprobleme bis hin zur einheitlichen Sprache der Lawinenwarndienste. Man bekommt viele Informationen sehr gut aufbereitet. Merkst du bei deinen Kursen, dass die Teilnehmer fachlich besser und kompetenter, vielleicht auch entspannter damit umgehen?

Was ich auf jeden Fall bemerke, ist, dass Leute, die sich für das Thema interessieren, heute deutlich besser vorbereitet sind und ein umfangreicheres Wissen haben als früher. Früher hatte der Bergführer das komplette Fachwissen, sogar „Geheimwissen“ inne, etwas, das man als normaler Skitourengeher gar nicht erlangen konnte. Heute besteht meine Aufgabe in der Ausbildung oft darin, jenes Wissen, welches sich die Teilnehmer selbst angeeignet haben, einzuordnen und abzuwägen, wo was hingehört. Es gilt herauszufinden, ob man Moderator oder Aufklärer ist oder derjenige, der strukturiert und noch einmal unterstützt, was welche Gewichtung bekommt. Menschen haben heute jedenfalls viele Möglichkeiten, sich gut zu informieren. Aus diesem Grund muss ich inzwischen aber auch selbst besser vorbereitet sein, muss meine Ausführungen und Argumente immer belegen können. Dabei lege ich außerdem viel Wert auf Transparenz. Die Leute wollen mitgenommen werden, sie wollen Dinge verstehen und warum soll ich Themen und Kontexte nicht so vereinfachen, dass sie sie besser verstehen oder einordnen können? Damit ist der nächste Schritt vorbereitet, nämlich, dass sie sich noch tiefer informieren wollen. Ich sehe also die Rolle von uns Bergführern und Bergführerinnen auch darin, Dinge einzuordnen und eine Orientierung zu geben. Dafür muss man aber natürlich selbst sehr gut ausgebildet und auf dem aktuellen Stand sein.

Ich kann mich selber informieren, ausbilden und eigenverantwortlich entscheiden oder die KI entscheiden lassen, von der ja manche – auch was die Lawinengefahr betrifft – glauben, dass sie „besser“ ist. Wie erklärst du dir das?

Ich glaube, dass es für viele Menschen einfach eine Erleichterung ist, wenn jemand anderer Entscheidungen für sie trifft – ob das eine KI oder sonst jemand ist.

Gibt es unter diesen beiden Gruppen eine gemeinsame Sprache, oder sind das zwei verschiedene Welten?

(Seufzt) Eine Pauschalantwort ist hier nicht möglich …   

… aber immer noch gibt es tapfere Kämpfer, die der Meinung sind, dass bei der Lawinenbeurteilung die probabilistischen Methoden besser als die analytischen oder intuitiven sind …

Meine Erfahrung ist, dass unsere Kunden mit viel weniger zufrieden und glücklich sind, als wir Führungspersonen oft glauben.

 … was genau einen Konflikt beschreibt. Das ist wie Pingpong spielen: Ich habe recht, du hast recht. Wenn ich den Fokus auf die Menschen lege, die draußen Entscheidungen treffen wollen, dann geht es nicht darum, ob du oder ich recht haben, sondern darum, dass man versucht herauszufinden, was vom aktuellen Stand der Wissenschaft bis hin zur Wahrscheinlichkeit – also von der Analytik bis hin zur Probabilistik – greifbar und überhaupt dienlich ist. Ich starte mit meinen Gästen schließlich auch nicht mit dem Hauptziel, unter keine Lawine zu kommen. Wir gehen auf Skitour, um gemeinsam ein schönes Erlebnis zu haben. Zu meiner Aufgabe gehört es, Entscheidungen in dieser unsicheren Welt der Lawinengefahr zu treffen, aber Menschen gehen nicht primär auf Skitour, um Lawinen auszustellen.

Manchmal hat man aber dieses Gefühl und man muss sich fast schämen, wenn die Lawinengefahr nicht das permanente Hauptthema ist. Woher kommt das?

Es gehört durchaus zu meiner Arbeit als Bergführer, dass das Thema „Lawine“ im Hintergrund ständig mitläuft. Das ist schließlich Teil meines Kompetenzbereichs, ich darf das nicht ausblenden. Aber das ist nicht der Fokus, mit dem ich auf Skitour gehe – schon gar nicht, wenn ich privat unterwegs bin. Der Fokus ist, dass meine Kunden eine schöne und gute Zeit erleben! Und das bedeutet nicht, dass es eine ultimativ mega riesige Tour ist. Meine Erfahrung ist, dass unsere Kunden mit viel weniger zufrieden und glücklich sind, als wir Führungspersonen oft glauben.

Die Zahl der Lawinentoten war immer schon gering und sinkt weiter, tödliche Skitourenunfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Problemen nehmen zu und regelmäßig sterben Skitourengeher durch Stürze und Abstürze. Dennoch ist für die Skitourencommunity selbst und für die Medien der Lawinenunfall unangefochten das mit Abstand prominenteste Thema und Problem. Man leistet sich die ganze Infrastruktur der Lawinenwarndienste, um primär die Skisportler zu servicieren. Warum ist „die Lawine“ so präsent?

Ich glaube, für Menschen ist Natur generell und im Besonderen das Erleben der Bergwelt etwas Gewaltiges. Zum großen Teil ist sie schön, aber auch imposant – und von imposant wird sie zu gewaltig. Im Hintergrund rauscht immer mit, dass es jederzeit vom „jetzt schön“ zum „jetzt tödlich“ oder zumindest gefährlich werden kann. Menschen, die sich der Natur aussetzen, erleben das so. Ich kann allerdings die Dosis wohlen. Wenn man eine Modeskitour geht, auf der 150 Leute unterwegs sind, dann passiert das „sich der Naturgewalt aussetzen“ in einer anderen Dosis, als wenn ich allein in einem anspruchsvollen Gelände unterwegs bin und die Tour selbst anspure. Ich glaub, dass sich Mensch darin recht gut regulieren können, im Sinne von: Wie viel dieser Gewalt der Natur will ich mich aussetzen, wie viel möchte ich davon erleben oder spüren?

Und um beim Thema Lawine zu bleiben: Unsicherheit hat mit Kontrollverlust zu tun. Wenn ich aber etwas im Griff habe und ich das Gefühl habe, ich kann es kontrollieren – auch wenn das vielleicht gar nicht stimmt –, gibt mir das das Gefühl handlungsfähig zu bleiben und so draußen weiter unterwegs sein zu können. Allein, wenn man sich die Sprache ansieht: Man hat das „Lawinenrisiko“, man betreibt ein „Risikomanagement“ und zum Schluss kommt ein „Restrisiko“ heraus. Es gibt Menschen, die können mit dem Restrisiko leben. Der schönere Begriff anstelle von Risiko ist meiner Ansicht nach „Unsicherheit“. Risiko ist gemäß Definition kalkulierbar, Unsicherheit nicht. Das macht es zwar nicht besser, aber ich fühle mich ehrlicher  damit. Dieses Verständnis beeinflusst meine Haltung, sowohl persönlich als auch im professionellen Kontext.

Unsicherheit hat mit Kontrollverlust zu tun.

Bergsteigen ist mittlerweile zum Bergsport und damit messbar geworden. Höhenmeter, Zeiten, Neuschneemengen, Skitourenflugreisen und Likes lassen sich besser verkaufen und scheinen vielen wichtiger zu sein, als eine gute Zeit am Berg mit Freunden. Du hast angesprochen, dass aber eben diese Qualität für private und geführte Gruppen das eigentliche Ziel sein müsste, auch im Unfallkontext. Wie lässt sich das erreichen?

Ich denke, man muss akzeptieren, dass viele verschiedene Sachen stattfinden dürfen. Ob ich das gut oder schlecht finde, ist nur eine persönliche Meinung, die nichts zur Sache tut. Ich für mich möchte aber definieren, wie ich mein Bergsteigen betreiben will. Allerdings muss ich für meine Definition nicht andere abwerten und mich aufwerten. Ich weiß aber, mit welchen Werten ich im professionellen Kontext Menschen draußen begleiten möchte. Ob ich damit erfolgreich bin – sprich, ob ich davon leben und mich ernähren kann –, ist eine andere Frage. Ich habe hier also meinen Grundsatz mit meinen Werten und Vorstellungen, andere dürfen es aber anders machen; im privaten Kontext wohlgemerkt. In der Berufsgemeinschaft der Bergführer hingegen kann man nicht pauschal sagen, jeder soll es machen dürfen, wie er will. Als Profis müssen wir eine Entwicklung zeigen, uns anpassen, gelegentlich an Stellschrauben drehen, um auch immer die Kompetenzträger zu sein. Wenn du zuvor von den Unfällen im Führungskontext berichtet hast, weiß ich nicht, wie ich mit diesen Zahlen umgehen soll. Gut sehen sie nicht aus.

Diskutiert man darüber, argumentieren einige Kollegen, dass es ihre Aufgabe sei, ihren Kunden gegen Honorar etwas zu bieten, das diese sich alleine nie trauen würden. Deshalb fahren sie natürlich steiler und exponierter.

Ich kenne und verstehe diese Aussage, aber ich halte dagegen, dass wir als Bergführer nicht davon reden können, dass es die Kunden sind, die das verlangen und dafür zahlen. Ich definiere selbst, wie Bergführern stattfindet und andere Dinge finden dann eben nicht statt. In einem Kurs kann ich dich gut ausbilden, kann ich dir viel Fachwissen und Technik vermitteln, damit du für dich persönlich dann jene Dinge tun kannst, die du gerne machst. Ich verkaufe als Bergführer keine Absolutionen. Kunden, die das möchten, führe ich nicht.

Okay, ich möchte meine Kunden also ausbilden. Was muss ich als Bergführer dafür mitbringen? Erfahrung, hohes Eigenkönnen oder pädagogisches Geschick und Empathie?

Ich drehe den Spieß um und stelle mir vor, ich bin selbst wieder in der Ausbildung. Was möchte ich von einem Ausbilder, von einer Ausbilderin mitnehmen? Natürlich muss diese Person für mich fachkompetent sein – das ist die Grundlage. Darüber hinaus muss diese Person Fähigkeiten hinsichtlich Führungstechniken haben und diese auch methodisch und didaktisch geschickt transportieren können, schließlich möchte ich diesen Beruf erlernen. Ich erwarte mir also, dass mir diese Person die einschlägigen Sachverhalte so gut oder so lange erklärt, bis ich sie verstanden habe und umsetzen kann. Im Weiteren ist es zentral, wie diese Führungsperson mit Menschen umgeht. Der Beruf hat immerhin mit Menschen zu tun und diese „weichen“ Faktoren sind ein zentraler Bestandteil im Führungskontext, z. B. die Bewältigung stressiger Situationen, der Umgang mit schwierigen Gästen, mit Rückmeldungen u. v. m. Wenn wir ein solches Konglomerat an Ausbilder haben, würden wir sagen: wunderbar! Wenn eine Person das ein oder andere nur mehr oder weniger kann, dann findet ein Ausgleich im Ausbildungsteam statt und das darf auch absolut so sein. Es darf die Person geben, die kompetenter im Fachwissen ist und es darf die Person geben, die kompetenter im Führungskontext ist. So würde ich mir das vorstellen und ich kenne auch genau solche Ausbilder und Ausbilderinnen.

Macht es in der Ausbildung und Arbeit einen Unterschied, ob jemand hauptberuflich als Bergführer unterwegs ist oder das nur gelegentlich als Nebenjob oder Hobby macht?

Ich bin der Meinung, eine Motivation in der Ausbildung muss sehr wohl sein, dass ich das Bergführen als Hauptberuf ausüben möchte. Das muss es nach der Ausbildung auch weiterhin bleiben, da nur über diese Berufsschiene auch eine gute, durchgängige Qualität garantiert werden kann. Die zuvor beschriebenen Entwicklungen und Neuerungen in der Ausbildung lassen sich auch nur über das Engagement von hauptberuflichen Bergführern und Bergführerinnen durchführen, Hobbybergführer haben daran verständlicherweise weniger Interesse.

Bei Unfällen sind wir Sachverständige aufgerufen, aus der ex-ante-Sicht eine Beurteilung abzugeben. Wie kann man Unfälle im Nachhinein so aufbereiten, dass man aus den Fehlern anderer etwas lernen kann?

Die Frage, die sich mir aufdrängt: Sind Unfall und Fehler das Gleiche? Wir haben vorher darüber gesprochen, dass man aus Fehlern anderer lernen kann. Sicher kann man davon ausgehen, dass es, wenn es zu einem Unfall kommt, im Vorfeld irgendeinen Entscheidungsfehler gegeben hat …

… aber es führen ja nicht alle Fehler zu Unfällen. Aber wenn ein Unfall passiert ist, geht es darum herauszufinden, welche Fehler kausal waren und ob sie vermeidbar gewesen wären.

Man muss nur aufpassen, dass man nicht unter dem „Rückschaufehler“ leidet. Blickt man auf einen Unfall, muss man sich in die Situation der Führungsperson, die in diesem Moment nicht wissen konnte, wie die Sache ausgeht, versetzen. Es braucht empathisch dafür Verständnis, warum und wie die Person entschieden hat. Also nicht eine verurteilende Haltung, denn es ist davon auszugehen, dass diese Person in die Berge gegangen ist, um ihre Sache gut zu machen. Hätte sie gewusst, dass sie in einen Unfall hineinläuft, hätte sie anders entschieden.

Die Menschen haben vergessen, dass man in den Bergen umkommen kann.

Man muss nicht jeden Unfall analysieren und an die Öffentlichkeit bringen.

Was ist der Grund, warum Bergsteiger, die selbst Respekt oder Sorge haben müssten, das ihnen mal etwas ähnliches passieren kann, nach Unfällen schnell vorverurteilen und nicht abwarten, bis man alle Umstände kennt?

Es sollte aber auch nicht so sein, dass man niemals etwas sagen darf, weil es mir selber auch passieren könnte – das kann es auch nicht sein … Aber deine Frage spielt auf die Motivation an, warum Menschen das tun? Ich glaub, man muss nicht jeden Unfall analysieren und an die Öffentlichkeit bringen. Schließlich gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten, in Österreich etwa die Alpinpolizei, die den Fall aufnimmt. Es gibt Gutachter, die den Fall gemäß ihrer Profession anschauen, es gibt die Zuständigen, die den Fall rechtlich aufarbeiten usw. Nicht aus jedem Unfall muss man eine Lehre ziehen. Beim Abseilen weiß man, dass man abstürzen kann und auch wie der entsprechende Unfallmechanismus aussieht. Das ist zigmal veröffentlicht, bekannt und wird ausgebildet – was soll man da also noch lernen?

Aber wo bleibt die Empathie nach solchen Unfällen …

… Empathie ist für mich in erster Linie, dass man zuerst an die verletzte oder gar tödlich verunglückte Person denkt, die irgendwo irgendjemandem fehlt. Dafür Mitgefühl zu haben ist das, was ich zeigen möchte. Zu diesem Mitgefühl gehört auch, dass man das nicht öffentlich an die große Glocke hängt. Wenn nach einem Unfall Menschen sofort mit Schuldzuweisungen und Besserwisserei zur Stelle sind, dann impliziert das vielleicht, dass sie es besser gewusst hätten. Ich weiß auch nicht, warum Menschen das tun. Aber wenn man sagt: „Das hätte er erkennen müssen“, dann bedeutet das: „Ich habe es gesehen, ich hätte die Kontrolle gehabt und dadurch wäre alles nicht so schlimm gewesen.“ Ich glaube, Menschen machen das, weil es sonst nicht „aushaltbar“ ist. Schwierige Situationen auszuhalten ist echt schwierig. Menschen gehen in die Rechtfertigung, in die Verurteilung. Letztendlich ist es ein Abwerten – sprich ich werte die Gegenseite ab und werte mich damit auf.

Muss man akzeptieren, dass man beim Skitourengehen unter einer Lawine sterben kann?

Das hat nichts mit Akzeptieren zu tun. Eine Lawine ist tödlich. Ich glaube, Menschen haben vergessen, dass man in den Bergen umkommen kann. Wenn ich privat in die Berge gehe, dann ist das auch vollkommen in Ordnung, anders ist es im Führungskontext. Die Naturgewalt kann eben auch dazu führen, dass die Tour nicht gut endet. Menschen beschreiben das da draußen immer als so schön und fühlen sich immer so frei und alles ist immer so positiv besetzt. Das ist es auch, alles in Ordnung. Aber im Hintergrund schwingt immer mit, dass es von jetzt auf sofort von schön in brutal wechseln kann. Und im Brutalen der Natur steckt eben auch der Tod – das gehört dazu. Als Bergführer möchte ich dort aber nicht hinkommen.

Das Gespräch wurde von Christina Schwann verschriftlicht.
zur Website des analyse:berg zum Artikel als PDF
Pauli Trenkwalder | Bergführer & Psychologe

Pauli Trenkwalder – Interview. Südtiroler Marketing Gesellschaft

By Interview
Interview erschienen auf der Website der Südtiroler Marketing Gesellschaft

Pauli Trenkwalder – Interview

Gehst du in die Berge, wenn du Probleme hast?
Ja, ich kann in den Bergen gut entspannen und über Dinge nachdenken. Ich fahre das System besser hinunter.

Du fährst das System hinunter? Was passiert denn am Berg?
Viele Menschen sagen, in den Bergen fühle ich mich frei. Ein schwieriges Wort für mich. Aber etwas passiert tatsächlich da oben. Der Glücksforscher Czikszentmihalyi nennt es Floweffekt, also ein Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn man eine Extremsituation überstanden hat. Der Neurobiologe Arne Dietrich, den ich sehr gut kenne, hat diesen Ansatz weiterentwickelt. Er sagt, es gibt in uns ein implizites und explizites Hirnkastl. Durch die Tätigkeit beim Wandern oder Klettern fährt das explizite System herunter, übrig bleibt der Autopilot und es beginnt eine kreative Phase, in der sich Lösungswege aufzeigen. Man könnte sagen, ich strenge mich nicht mehr an zu denken. Ich muss beim Gehen nicht nachdenken, wie ich meinen Fuß nach vorne setze. Diese Bewegung ist automatisiert, deshalb kann ich mich auf andere Sachen konzentrieren und dann spüre ich, jetzt fließt es…

Wer kommt zu dir? Was sind das für Menschen?
Wir bieten keine Psychotherapie an. Wir machen Gesundheitsförderung. So nennen wir das. Da gab es zum Beispiel eine Friseurin, die in einem anderen Beruf noch einmal neu beginnen will? Oder Führungskräfte, die sich weiterentwickeln möchten. Oder eben ein Klient, der es nie länger als drei Jahre schafft, eine Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten. Es sind Menschen, die vor einem Problem stehen und das anschauen möchten.

Bringst du auch Menschen in die Berge, die vorher nie eine Beziehung zum Berg gehabt haben?
Nein. Die melden sich gar nicht. Wer zu mir kommt, der will nicht klettern lernen. Der sucht eine „Kulisse“, in der er sich gut fühlt. Mit einer Klientin war ich auf Skitour, es war super Pulverschnee und schlechtes Wetter, aber sie hat gesagt, ihr geht da das Herz auf. Klar, wenn ihr das Herz aufgeht, ist es für mich leichter, mit ihr zu arbeiten, weil dann auch etwas ins Herz hinein geht. Ich bin am Berg ja in einer Doppelfunktion unterwegs. Als Psychologe bin ich nahe dran am Menschen, als Bergführer bin ich auch einmal 30 bis 50 Meter weit weg. So kann sich mein Gast aufs Klettern konzentrieren und auf die Gedanken, die sich dabei einstellen. Ich setze dann nur einige Nadeln.

Von welchen Nadeln sprichst du?
Ich kann dir eine Frage stellen, mit der ich spiegle, was du gesagt hast, dann rattert das in deinem Hirnkastl. Und das geht den ganzen Tag lang. Eine Therapiesitzung im Tal dauert normalerweise 50 Minuten, wenn ich als Coach einmal nicht weiterkomme, dann rette ich mich über diese Stunde schon drüber. Wenn ich hingegen den ganzen Tag ausgesetzt bin, ist das viel effektiver, aber natürlich auch anstrengender.

Wie wichtig ist das Thema Grenzen annehmen, ausloten oder überwinden?
Bei Führungskräften, die exponiert sind, mag es sinnvoll sein, daran zu arbeiten. Aber sonst führe ich niemanden bewusst an seine Grenzen. Als Bergführer habe ich die Aufgabe, den Menschen zu sichern, damit er nicht abstürzt. Als Psychologe habe ich den gleichen Auftrag. Ich muss ihn in seine geistigen Welten gut hinein und wieder herausführen. Einen Menschen psychisch zu exponieren, finde ich nicht richtig. Ich führe auch Kinder nicht mit der Hand auf die heiße Herdplatte, damit sie verstehen, dass das wehtut.

Was kann ich also am Berg lernen, wenn ich mit dir unterwegs bin?
Huh, da kommen wir jetzt in den Bereich der großen Versprechen. Wir kennen alle diese Angebote zum Teambuilding, wo Mitarbeiter einer Firma zusammen auf den Berg gehen, ein Floss bauen und gemeinsam den Fluss hinunterfahren, und alle erwarten, danach werdet ihr besser zusammenarbeiten. Man weiß, evidenzbasiert, dass das Humbug ist. Die haben ein tolles Erlebnis, ganz sicher, aber der Effekt wird aus meiner Sicht überhöht.

Ich kann also gar nichts lernen am Berg?
Doch, wenn du in der „Wildnis“ unterwegs bist, fühlst du dieses Ausgesetztsein, du musst Entscheidungen treffen und spürst Hunger, Durst, Kälte, Müdigkeit, Hitze. Das sind die wirklichen Werte von diesem Erlebnis, nicht, ob du einen Transfer vom Berg ins alltägliche Leben herstellen kannst oder nicht. Ich als Pauli Trenkwalder kann das sicher nicht leisten. Ich werde dich begleiten, ich werde dich dorthin führen, wo es für dich unangenehm ist, und mit dir Verhaltensmuster aufdecken, die sich im Lauf des Lebens bei dir eingeschlichen haben. Darum geht es ja. Du kommst zu mir, weil du dich weiterentwickeln willst. Ich sichere dich mit dem Seil, wie es ein Bergführer auch tut. Und ich habe den Kompass, ich weiß, wie weit ich gehen kann. Auch bei dir. Und ich gehe so weit, wie du es mir sagst. Aber arbeiten an dir musst du.

Und wenn der Gast nicht auf den Gipfel kommt, kommt er halt nicht hinauf…
Ja, in Bergsteigerkreisen heißt es oft, der Gipfel ist das Ziel. Andere sagen: Das Ziel ist der Weg. Ich sage: Oft ist das Ziel im Weg. Der Gipfel ist nicht so wichtig. Wichtig ist das Unterwegssein. Es ist wichtig, dass du innerlich, in deinen Themen unterwegs bist, dann wird sich etwas ändern.

Kann ich ein Muster erlernen? Wenn ich mich zum Beispiel daran erinnere, wie ich am Berg eine schwierige Situation gemeistert habe?
Ein wesentlicher Bestandteil psychischer Gesundheit ist die Selbstwirksamkeit, also wenn ich etwas gegen Widerstand mache und Erfolg habe. Am Berg handle ich oft gegen Widerstände: jetzt muss ich die Zähne zusammenbeißen, jetzt muss ich durchhalten, muss mich in Geduld üben, auch einmal demütig sein, auch einmal scheitern. Diese Selbstwirksamkeit kann man von den Bergen in sein Berufsleben – oder auch Privatleben – übertragen. Wenn ich gesehen habe, ich habe das ausgehalten am Berg, obwohl ich müde war und Durst hatte, dann bin ich stolz auf mich. Das sagen mir die Menschen auch: Ich bin stolz auf mich, ich habe durchgehalten.

Arbeitest du eher an den Stärken oder an den Schwächen deiner Klienten?
Richtig ist, die Stärken zu stärken und sich nicht lange bei den Schwächen aufzuhalten. Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen hat einmal gesagt, wenn du ein Pinguin bist, wird aus dir auch nach sieben Jahren Therapie nicht eine Giraffe werden. Und die Stärke des Pinguins ist halt das Schwimmen und nicht der Marathonlauf.

Wie sehr muss man sich am Berg plagen, dass es mir im Alltag nützt.
Wenn man sich nicht plagen will, wird man halt nicht Vorstandsvorsitzender werden. Einige Führungskräfte, die ich schon lange begleite, haben eine hohe Leidensfähigkeit, die klagen nie, die sind demütig und geduldig, und die halten durch, auch wenn man genau sieht, dass es jetzt anstrengend für sie ist.

Kann man sich ans Leiden gewöhnen, um mehr auszuhalten…
Die Qualität, etwas auszuhalten da draußen, Anstrengung wegzustecken, das kann ich übertragen auf mein Leben, da kann ich mir sagen, jetzt muss ich mich einfach mal durchbeißen. Ich bin aber der Meinung, dass man sich entspannen darf am Berg. Manchmal reicht es, einfach hinauszugehen. Das allein tut schon gut. Wir in Südtirol haben diese Qualität! Der eine braucht den Spaziergang rund um den Montiggler See, der andere muss die Drei Zinnen besteigen, aber was beide tun müssen, ist, sie müssen hinausgehen. Sie müssen es machen.

Haben wir viele Probleme deshalb, weil wir zu wenig draußen in der Natur sind?
Du musst nur schauen, wie viele Leute unbewusst in die Natur gehen. Und wenn sie zurückkommen, sagen sie, das hat mir gut getan. In der Natur passiert irgendwas mit ihnen. Dieses Hinausgehen machen die meisten intuitiv, es ist etwas, was Menschen treibt. Wenn unsere Vorfahren nicht hinausgegangen wären, um Himbeeren zu suchen und den Säbelzahntiger zu erlegen, würden wir ja noch immer in der Höhle hocken.

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| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Felsenfest. Tagesspiegel 2024

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Beitrag erschienen in Tagesspiegel.de, 29.04.2024

Berge nützen dem menschlichen Geist und fördern die innere Einkehr. Aber muss man deshalb gleich mit einem Psychologen in Abgründe schauen? Unsere Autorin hat ein Angebot des Kastelruther Hotels Schgaguler getestet.

Text: Esther Kogelboom

Meine Couch: der Berg, so lautet Pauli Trenkwalders Parole. Gerade ist aber die Couch seine Couch, der Psychologe und Bergführer sitzt auf einem lodengrünen Outline-Sofa von Muuto.

In der Bar des Schgaguler Hotels bleibt die Zeit stehen. Die scharfkantigen Eiswürfel aus der japanischen Hoshizaki-Maschine schmelzen extra langsam im Aperitivo, während draußen Nebelgardinen die Umrisse des Schlern – Massivs verhüllen.

Trenkwalder spricht mit der kleinen Reisegruppe über die Konsistenztheorie nach Grawe, ein Modell, das die psychologischen Grundbedürfnisse des Menschen beschreibt, und die Maslowsche Bedürfnispyramide. Er tippt sich schließlich an die Stirn: „Hier vorn im Hirnkaschtl, da ist der präfrontale Cortex, zuständig für Kontrolle und Orientierung.“

Hirnkaschtl-Ferien im Südtiroler „Kaschtelruth“, wie die Einheimischen ihr Bergdorf nennen. Das Schgaguler, gelenkt von vier Geschwistern in zweiter Generation, umgebaut von Architekt Peter Pichler, strahlt ohne Geranien und Herrgottswinkel. In unverblümter Klarheit und Konzentration ragt es, hellgrau wie Dolomit, zwischen den verschachtelten traditionellen Bauten des Dorfes heraus, höher ist nur der frei stehende, klassizistische Turm der Pfarrkirche St. Peter und Paul.

Das Angebot von Trenkwalder, zusammen mit vier Tagen Halbpension im Design- und Dinnerhimmel Schgaguler: „Grenzen erfahren – Grenzen erweitern“ in der Kleingruppe. Damit meint er nicht, eine neue Gin-Sorte zu probieren.

Früh am Morgen, Zanser Alm. Der präfrontale Cortex der Kletter- Anfängerin meldet: Das ist unmöglich. Steck den Helm wieder in den Rucksack, steig aus dem Klettergurt, lös’ die Karabiner und trinke den zweiten Cappuccino. Aber da ist etwas, das stärker ist. Die Arme sind es nicht. Vielleicht der Ehrgeiz, sich vor der Reisegruppe nicht zum Gespött zu machen, oder gar Abenteuerlust? Das Herz schlägt bis zum Kinn, acht Meter über dem schneebedeckten Boden an einer Felswand. Drüben hat vor kurzem eine Lawine ein Waldstück einfach umgeknickt. Die Finger krallen sich schwitzig in eine Rinne, die Füße sind irgendwo, wo es sich falsch anfühlt.

Der kleine Reinhold war schon mit fünf Jahren oben

Trenkwalder – Erstbegehungen großer Wände in Madagaskar, Mali, Namibia, Venezuela usw., leidenschaftlicher Kritiker der Sächsischen Schweiz – spricht von unten: „Den rechten Fuß dorthin, wo jetzt der linke ist!“ – „Aber da ist schon mein Linker.“ – „Ich kann jederzeit hochkommen!“ Alles, nur das nicht.

Die Zanser Alm liegt unterhalb der spektakulären Geislerspitzen am Ende des Villnöss-Tals. Wanderfreundinnen wissen, dass hier der kleine Reinhold im Alter von fünf Jahren, zusammen mit seinem Bruder, vom Vater auf den Hauptgipfel geführt wurde: den Sass Rigais, 3.025 m. Der kleine Reinhold hat diesen Zehn-Meter- Brocken, der Teil eines Klettergartens ist, wahrscheinlich schon erklommen, bevor er laufen konnte. Erkenntnis an der Wand: Irgendwie geht es weiter. Eine Rinne im porösen Dolomitgestein, eine schmale Ritze, eine Unregelmäßigkeit in den Steinstapeln. Fingerkuppen schwitzen, färben sich dunkelrot. Mal schauen, wo ist eigentlich das Ziel? Der Blick fällt versehentlich nach unten – ungesichert.
Kniescheiben vibrieren.

Der rechte Fuß steht über Hüfthöhe, dieses Bein müsste man langsam mal kräftig strecken, um an den nächsten Griff zu kommen. Der Moment zwischen Durchdrücken und nächster-Griff-noch-nicht-gefunden ist sehr lang. Man tastet vorsichtig nach Halt, aber da ist nur glatter Stein. Blut rauscht in den Ohren. Wo ist der Musculus vastus lateralis, wenn man ihn braucht?

Trenkwalder mag keine Corporate-Selbsterfahrungstrips, schon gar kein mittleres Management. Auch die Sprache des Kapitalismus und mit ihr die gesamte alpine Höher-Weiter-Gipfel-Teambuilding-Metaphorik scheint ihm fremd. Worum es ihm aber schon geht, ist Vertrauen. Es ist leicht, ihm das zu schenken. Seine Klientinnen und Klienten kommen mit Lebensfragen zu ihm, die sich besser in Bewegung erforschen lassen als in einer Praxis. Der Berg selbst trage zur Problemlösung relativ wenig bei, sei nur ein „Resonanzraum“.

Und Trenkwalder ist generell zugeneigt, das kann, wer will, an seiner Körperhaltung ablesen. Ein bisschen vorgebeugt, Schultern und Arme wie allzeit bereit zur schnellen Umarmung von Gestein und Mensch. Manchmal bleiben die Lach- und Sonnenfalten unter dem Schirm des Basecaps mit Sponsoren-Logo verborgen. Denn es ist zum Glück nicht so, dass sein Einfühlungsvermögen Bergführer-Flachwitzen grundsätzlich im Wege steht.

Oben. Geschafft. Sauerstoff bis in die Haarspitzen. Wo kommt nun dieses Lachen her? Ist doch gar nicht so lustig, hier mit bebenden Beinen auf einem Felsen zu hocken – und wieder hinunterzumüssen. „Klären wir später, woher das Lachen kommt“, meint Trenkwalder geduldig und versucht, mich am Seil hinabzulassen. „Ich hab schon eine Idee.“

Erstmal gehen wir den Adolf-Munkel-Weg zur Gschnagenhardt-Alm der Familie Profanter, an diesem außergewöhnlich kühlen Junitag fast allein. Man kann sich als Teil eines 1000-Teile-Puzzles fühlen. Schleierwolken wie aus Zuckerwatte kleben an den Nordwänden der Geislergruppe, zerreißen träge, bilden neue Formationen. In den Schlagschatten der Mittagssonne wirkt der Fels noch härter.

Trenkwalder hebt einen Stein auf und zeigt die Abdrücke einer Muschel – ein Andenken daran, wie die Entstehung der Dolomiten vor 280 Millionen Jahren begann: als tropisches Meer. Aber weil die Berge, wie Goethe fand, stumme Meister sind, die schweigsame Schüler machen, wird auch nicht mehr gequatscht als notwendig. Man könnte natürlich reden, aber man tut es nicht. So geht man leicht weiter, mal hintereinander, mal nebeneinander. Mal allein. Ein Schnaufen, ein Blick, eine Pinkelpause.

Im Vorbeigehen finden wir die Ringelspuren des Dreizehenspechtes in der Fichtenrinde. Die haut er mit dem Schnabel hinein, um den austretenden Baumsaft abzuzapfen. Weiß man das einmal, wird man die Spuren in diesem Märchenwald nicht mehr übersehen.

Als Trenkwalder merkt, dass einem der Rucksack schwer wird, hängt er zusätzlich das meterlange Seil darauf – nur, um es bald darauf wortlos wieder abzunehmen. Plötzlich ist der Rucksack leicht. Druck ist vielleicht nur eine Frage der Einstellung.

Am Grödner Joch ist Lambo-Treffen

Abends dann die Auflösung, woher das Kichern kam. Druckausgleich. Oder halt einfach: Spaß, ausgelöst durch das psychologische Grundbedürfnis Selbstwirksamkeit. Eigentlich ganz schön, dass die Beine von Felskanten mit Hämatomen in allerlei Farbverläufen tätowiert wurden. Was machen wir morgen?

Trenkwalder hat eine App, die verschiedene Wetterprognosen auswertet. Auch sie zeigt viele blaue Flecken: Regenfelder, viele Regenfelder. Der Juni ist in ganz Südtirol zu nass, sodass die Bäuerinnen um ihre Heuernte fürchten. „Wir haben bis zum frühen Nachmittag. Dann gehen wir den Klettersteig auf die Große Cir.“

Die leicht angespannte Google- Suche „Große Cir wie schwer“ ergibt: „Der versicherte Weg auf die Große Cirspitze (Gran Cir) ist sogar für einen Berner Sennenhund machbar und eher ein schwarzer Bergweg als ein Klettersteig. Ausrüstung: Für Ungeübte Klettersteigausrüstung, Kinder evtl. ein Sicherungsseil.“ Das meint bergsteigen. com.

Als wir losgehen, ist am Grödner Joch Lambo-Treffen. Eine Kolonne der bonbonfarbenen Autos jault durchs Tal, dazu dröhnt ein tief fliegender Versorgungshelikopter. Pisten-Infrastruktur steht
nutzlos herum, die Schneekanonen sehen aus wie riesenhafte elektrische Zahnbürsten. „Apokalypse Now“, kommentiert der Filmexperte der Reisegruppe. Vor genau 15 Jahren hat das Unesco-Welterbekomitee die Dolomiten in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen. Dies lockt nun so viele Touristen aus aller Welt an, dass sie der Natur gefährlich werden.

Nach einer halben Stunde Aufstieg weist uns Trenkwalder an, die Helme aufzusetzen und die Klettergurte anzulegen. Wir sind jetzt eine Seilschaft. Entweder Trenkwalder ist sehr vorsichtig oder der Berner Sennenhund des bergsteigen.com-Autors außergewöhnlich gut in Form.

Ab dem ersten Drahtseil sichern wir uns mit je zwei Karabinern. Klettert einer etwas zu schnell eine Felsplatte hoch, spüren die anderen seinen Zug. Rechts geht es steil hinab, überall Geröll. Klong, donnert der Helm vor einen Felsvorsprung. Karabiner auf, Karabiner zu. Es dauert seine Zeit, bis wir einen Rhythmus gefunden haben. Dann funktioniert die Seilschaft. Nicht schlecht für eine Gruppe, die sich am Vortag erst kennengelernt hat. „Was macht man gegen Höhenangst?“, will einer wissen.

Langsam zieht es sich zu, doch bedrohlich ist es nicht, oder?

Trenkwalder macht vor, wie sich Ängstliche am Berg festklammern, buchstäblich einfrieren – und rät, das Gewicht erstmal wieder auf die Füße zu verlagern für einen festen Stand. Später wird er
sagen: „Wer nie Angst hat am Berg, ist psychisch nicht gesund.“

Am Gipfel Rundum-Sicht auf Sellastock, das Puez-Hochplateau und den Langkofel. Wir lernen eine einheimische Friseurmeisterin und ihre Tochter kennen, die sich nach einem frühmorgendlichen Arbeitseinsatz auf dem Klettersteig entspannen. Die Dolomiten stehen als Kulisse im Portfolio vieler international tätiger Hochzeitsplaner, und die Bräute brauchen Sturmfrisuren und tränenfestes Make-up, bevor sie im Helikopter fürs Fotoshooting auf ein Felsplateau geflogen werden. Ein Sehnsuchtsort waren die Bleichen Berge schon immer. Egal, wie man sich ihnen nähert: Den Mutigen setzen sie vieles ins Verhältnis.

Beim Abstieg schaut Pauli auf seine Wetter-App. „Holt die Regenjacken raus“, meint er. Die Reisegruppewechselt Blicke. Es zieht sich zwar zu, doch bedrohlich wirkt es nicht. Trotzdem gehorchen wir. Als das Cape sitzt, kommt ein kurzer Wolkenbruch und lässt das Geröllfeld glitschig zurück. „Irgendwelche Tipps für sicheres Gehen auf vielen beweglichen Steinen?“ – „Einfach gehen.“

Komplexer wird es beim abendlichen Debriefing. Wir sind dem vielfach besprochenen Phänomen auf der Spur, warum man beim Wandern „den Kopf frei bekommt“. Trenkwalder erklärt dies streng wissenschaftlich mit transienter Hypofrontalität. Beim Bergsteigen werde, wie beim Sport allgemein, der motorische Cortex aktiviert, der präfrontale Cortex komme zur Ruhe. Die kognitiven Fähigkeiten sinken unter körperlicher Belastung. Auch die Flow- Theorie legt nahe: Einfälle kommen in Bewegung, wenn man sie nicht erzwingt. Das bedeutet nicht, dass jede Idee, die man auf dem Waldweg hat, gut sein muss.

Am letzten Tag gehen wir von Wolkenstein über die Silvesterscharte zur Stevia-Hütte. In der Scharte sind es zwei Grad, die Stevia- Hütte hat – wie alle Hütten, die wir in diesen drei Tagen ansteuern – noch geschlossen. Knödelsuppen-Enttäuschungsmanagement, auch das lehrt einen was. Doch wir dürfen uns in Tonis Stube bei einem Schnaps aufwärmen und schon ans Schgaguler-Restaurant denken.

Es duftet nach kühlen Steinen und nassem Moos

Auf dem Rückweg bleibt Trenkwalder so abrupt stehen, dass man beinahe in ihn hineinrennt. Auf einem Felsvorsprung tut ein Murmeltier, was ein Murmeltier tun muss. Süß? Nein. Murmeltiere, erfahren wir, lassen ihre Alten zum Sterben vor der Höhle, bevor der Winterschlaf beginnt. Weil es effizienter ist. In der Schlucht unter uns wallt Nebel auf. Es duftet nach kühlen Steinen und nassem Moos.

„Schon schön, oder?“ Trenkwalder erzählt, wie altbacken er früher erfahrene Wanderführer fand, die stehen bleiben und andere auf die Schönheit der Natur hinweisen. Mittlerweile ertappe er sich häufiger dabei, es selbst zu tun. Was das wohl über einen sagt? Das besprechen wir später.

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Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Hinter der Linse. In Aktiv in den Alpen 2023

By Interview
Interview erschienen in Aktiv in den Alpen

Schlicht und ergreifend. Schlicht in reiner Schönheit. Ergreifend in überwältigender Größe. Pauli Trenkwalders Bilder sprechen eine deutliche Sprache, so minimalistisch sie auch manchmal wirken. Der Südtiroler ist dabei kein typischer Fotograf, verknüpft jedoch in seinem Berufsleben geschickt zwei Branchen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Als Bergführer und Psychologe geht er mit seinen Kunden raus. Auf die Wanderwege, in die Wände, auf die Gipfel seiner Heimat. Seine Couch seien nun mal die Berge, sein Arbeitsplatz, sein place to be.

Ebenso geschickt wie im Beruf, vereint Trenkwalder Berge und Menschen mithilfe seines Fotoapparates. Klein und zerbrechlich wirken da die Bergsteiger, fast schon verloren, oft in einer kolossalen Bergkulisse. Berge und Menschen. Menschen und Berge. In dieser Symbiose steckt viel mehr als nur Sport, Beruf und Freizeit. Dieses ungreifbare Etwas, meist nicht mehr als ein vorbeihuschendes Gefühl, hält Trenkwalder fest. Mit Geschick, einem geübten Auge, Feingefühl und Gespür für den richtigen Moment. Ach ja: Ein bisschen Glück darf dabei natürlich auch nicht fehlen!

Interview: Benni Sauer

Wir treffen Pauli Trenkwalder im Ridnauntal der Gemeinde Ratschings. Von hier ist es nur noch ein Steinwurf hinüber ins benachbarte Pflerschtal, wo der Psychologe gemeinsam mit seiner Frau und Tochter lebt. Der sportliche Südtiroler sitzt uns mit langen, lockigen Haaren und wachen Augen gegenüber. Dabei erzählt er, wie er zwei auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Berufe vereint, welche Vorteile die Natur bietet, wenn man sie nur als Arbeitsplatz zulässt. Und er erzählt, dass seine eigentliche Aufgabe nicht das Erzählen, sondern vielmehr das Zuhören ist.

Hallo Pauli, was war zuerst da? Der Bergsteiger oder der Psychologe in Dir?

Die Leidenschaft, das Interesse war von beidem da. Das eine war ein Studium. Das andere entwickelte sich aus einer Leidenschaft. Aus dem Klettern. Aus dem Bergsteigen. Aus dem Tun. Beides zu verknüpfen war und ist für mich naheliegend. So weit voneinander entfernt sind die beiden Berufe gar nicht.

Wie genau sieht denn Dein Werdegang aus?

Ich schloss meine Bergführerausbildung und mein Studium fast gleichzeitig ab. In München folgte eine systemische Ausbildung, in Österreich eine klinische und gesundheitspsychologische. Natürlich arbeite ich heute auch noch rein als Bergführer. Aber die Kombination aus Bergführer und Psychologe macht einfach Sinn.

Was sind das für Menschen, die zu Dir kommen und Hilfe suchen?

Am ehesten lässt sich das vielleicht mit einem Zitat einer meiner Kundinnen beschreiben. Die leidenschaftliche Skifahrerin sagte mir auf einer Skitour, dass sie glaube, wenn ihr Herz aufgehe, wie in diesem Moment kurz vor der pulvrigen Abfahrt, dann gehe ja auch viel leichter etwas in dieses Herz hinein!

Worin genau besteht dieser Sinn?

Ich beschreibe mein Tun als niederschwelliges, psychologisches Angebot. Wer beispielsweise berufliche oder private Entscheidungen treffen muss, wer so etwas gerne extern besprechen möchte, der ist bei mir gut aufgehoben. Gemeinsam gehen wir dann raus. Oft sprechen wir dabei über Stunden nichts. Das sind wertvolle Momente. Manchmal höre ich auch nur zu. Die Menschen, die zu mir kommen haben ja keine psychische Erkrankung. Sie brauchen keine Therapie, sondern eine Unterstützung, eine Hilfestellung in einer schwierigen Situation.

Nutzt Du also bewusst die Wirkung der Natur auf den Menschen?

So kann man das nicht sagen, nein. Mit Dingen wie Waldbaden oder der Heilkraft der Natur kann ich nur wenig anfangen. Was ich mache ist ja kein Hokuspokus. Das Setting, also der Rahmen, in welchem die Gespräche stattfinden, sind die Berge. Da ist es erstmal zweitrangig, ob das nun ein Spaziergang, eine Bergwanderung, eine Kletter-, oder Skitour ist. Wichtig ist allein, dass einem das Herz aufgeht.

 An die eigenen Grenzen zu gehen ist dabei übrigens nicht nötig, meistens auch gar nicht förderlich. Viel wichtiger ist es, dass die Beziehungsebene zwischen dem Klienten und mir passend ist, eine Ebene, auf der man etwas gemeinsam hat. Im besten Fall bewegt man sich auf der gleichen Wellenlänge.

Kommen wir zur Fotografie: Deine Bilder lassen eine deutliche Stillinie erkennen. Wie würdest Du diesen Roten Faden beschreiben?

Zunächst entstehen meine Bilder fast ausschließlich in der Natur. In den Bergen. In der großen, weiten Landschaft findet der Betrachter nur ab und zu einen Menschen. Die Bilder sind daher meistens minimalistisch, ruhig und oft das Gegenteil von überladen.

Wie findest Du solche Momente und Motive? Wie entstehen diese Bilder?

Den Fotoapparat habe ich keineswegs immer beim Führen dabei. Das ist oft nur schwer unter einen Hut zu bekommen – der Kunde will schließlich nicht alle fünf Minuten auf mich warten müssen. Fotografieren braucht wie das Führen einfach sehr viel Zeit. Manchmal drehe ich aber zum Beispiel noch eine abendliche Runde um die Hütte, wenn meine Gäste versorgt sind. Das ist dann meine Zeit. Da bin ich nur für mich unterwegs. Ich plane höchst selten ein bestimmtes Motiv. Durch meine Berufe habe ich das Glück so oft in der Schönheit der Berge unterwegs zu sein, dass mich meine Motive manchmal sogar geradezu anspringen. Das ist oft auch reines Glück, was mich dann natürlich ganz besonders freut.

Ist diese Zeit für Dich dann „Deine Freizeit in den Bergen“?

So kann man das sehen, ja. Im Gegensatz zum Führen, ist bei rein privaten Touren die Kamera immer dabei. Das entspannt mich und holt mich oft wieder zurück. Dazu gehört aber nicht nur das Fotografieren als solches, sondern auch die Nacharbeit am Computer. Die Sichtung und Bearbeitung gehören ja auch dazu. Dieser Prozess, das Bild anzuschauen, um beispielsweiße zu kontrollieren, ob man es so hinbekommen hat, wie man es sich im Gelände gedacht hat, das gehört einfach zum Ganzen. 

Wie sieht Deine Fotoausrüstung aus?

Im Moment fotografiere ich mit einer Sony Alpha 7R IV. Das ist eine Kamera, die ich natürlich gar nicht ausreizen kann. Ich bin ja kein Fotograf. Eine gute Kamera und gute Objektive sind mir aber dennoch wichtig – die technischen Fähigkeiten aber sind bei meiner Art der Fotografie nicht unbedingt vordergründig nötig. Beim Führen nutze ich sogar manchmal einfach nur schnell das Handy. Das reicht oft schon aus. Gute Fotos wirken aufgrund eines ausgeglichenen Bildaufbaus. Aufgrund von Tiefe und der richtigen Wahl des Bildausschnittes. Egal ob es nun mit dem Handy oder einer professionellen Kamera aufgenommen wurde.

Thema Nachbearbeitung: Wo ziehst du da die Grenzen?

Ich habe zwei gute Freunde, die echte Fotografen sind. Der eine spricht sich für eine umfangreiche Bearbeitung all seiner Bilder aus. Der andere ist absolut dagegen. Richtig und falsch gibt es da nicht. Wenn ich eines meiner Bilder in ein Schwarzweißfoto verwandle, dann habe ich es aber auch schon maximal bearbeitet, oder? 

Ich belichte meine Bilder gerne mal über. Das ist auch eine gewisse Art der Bearbeitung der Wirklichkeit, die allerdings schon in der Kamera passiert. Sicher drehe ich auch im Nachhinein ein wenig an den Reglern. Aber wenn zum Beispiel im Hintergrund eine störende Seilbahnstütze zu sehen ist, dann retuschiere ich diese aus zwei Gründen nicht aus dem Bild. Erstens kann ich das gar nicht und zweitens ist auf meinen Fotos nur eine Seilbahnstütze zu sehen, wenn sie auch zu sehen sein soll.

Neben der Fotografie gibt es auch einige Bewegtbilder, die mit deiner Hilfe entstanden sind.

Das stimmt. Meine Arbeit spielt sich dabei allerdings meistens hinter den Kulissen ab. Ich berate Filmteams, wenn es beispielsweise um Sicherheitsfragen geht, oder darüber was möglich ist und was nicht. Das geht vom Einschätzen der Wetterlage bis zum Sichern der Kameramänner. Und nicht zuletzt war ich auch schon als Double im Einsatz.

Der Film war eine beeindruckende Erfahrung für mich. Es ist spannend zu sehen, wie ein derart großes Team funktioniert. Besonders in Erinnerung ist mir da die Arbeit mir Joseph Vilsmaier und Reinhold Messner für ihren Film Nanga Parbat geblieben. Der Film erschien 2010. Heute spielt die Filmarbeit für mich eine untergeordnete oder sogar überhaupt keine Rolle mehr.

Besten Dank für deine Zeit und alles Gute in den Bergen!

Interview: Benni Sauer
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| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Wir sind Meister im Zurückdrängen der Angst. Klettern 2023

By Interview
Interview erschienen in Klettern 2023

Wir sind Meister im Zurückdrängen der Angst

Langsam lernen, reflektieren und aufeinander aufpassen: Psychologe und Bergführer Pauli Trenkwalder über Kontrolle und Orientierung am Berg und das Verhältnis von Bergführer und Gast.

Was bewegt Menschen, sich beim Klettern in Gefahr zu bringen?
Das hat etwas mit Selbstverwirklichung zu tun, damit zu zeigen, dass man es kann. Und wir bereiten uns ja darauf vor, weil wir verstehen, dass es gefährlich sein kann. Auch dieses Herantasten, dass man sich das erarbeiten muss, ist ein positiver Faktor.

Wie erlebst du als Bergführer, dass Menschen auf das Risiko in den Bergen reagieren?
Wir sprechen umgangssprachlich von Risiko, aber eigentlich bewegen wir uns in Unsicherheiten. Bergführerinnen und Bergführer lernen, mit dieser Unsicherheit umzugehen und Entscheidungen zu treffen unter Unsicherheit. Und das lernen wir wie alle, indem wir das Schritt für Schritt machen. Ob die Menschen irgendwo Informationen einholen oder sich in Kursen ausbilden lassen: Sie machen den Schritt von der Fremd- zur Eigenentwicklung, wenn man das von den Kompetenzen her sieht. Wenn nun ein Gast von mir irgendwo exponiert steht, da wird er vielleicht schon Angst und Sorge erfahren. Das ist eine normale psychische Reaktion. Erfahrene Bergsteiger und Bergsteigerinnen haben gelernt, diese Angst zurückzudrängen. Sie sind Meister darin.

Das ist aber auch eine Frage der Erfahrung und Routine?
Genau. Wenn wir irgend etwas Neues lernen, tut‘s uns gut, wenn die Dosis klein ist. Dann gewöhnen wir uns dran und lernen das besser kennen. Und die Fähigkeiten, damit umgehen zu können, werden allmählich größer.

Und diese Fähigkeiten sind notwendig, um sich in diesem exponierten Gelände sicher bewegen zu können.
Genau. Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Sicherheit, wozu wir auch Kontrolle und Orientierung sagen können. Wenn sie einen Kontrollverlust erleiden, dann ist das unglaublich unangenehmes Gefühl. Im Verhältnis Gast /Bergführer oder Bergführerin gibt der Gast einen Teil ab. Und ich bin dafür zuständig, dass diese Person Kontrolle und Orientierung hat, um sich dann am Berg oder in der Wand bewegen zu können.

Besteht die Gefahr, dass man, wenn man lange klettert, die Gefahr unterschätzt? Weil man sich so daran gewöhnt hat?
Wir zwei am Stammtisch würden sagen: ja. Aber ich kenne die Zahlen dazu nicht. Wobei natürlich Personen, die sehr viel klettern, auch die größere statistische Wahrscheinlichkeit haben, etwas falsch zu machen. Mein Leitsatz ist: Auch wenn ich etwas schon sehr oft gemacht habe – jetzt muss ich mich konzentrieren und noch einmal kontrollieren! Da kommen dann der Selbstcheck und der Partnercheck ins Spiel. Ich schule beides, wobei es mir schon reicht, wenn wir zwei zusammen klettern, dass wir da gegenseitig noch einmal einen Blick drauf werfen. Weil wir ja gemeinsam klettern und weil ich das für dich und mich als Seilschaft machen will. Das gehört einfach dazu, dass man gegenseitig aufeinander aufpasst. Das ist eine Frage der Fürsorge.

Sind wir in der Lage, uns selbst und unsere Fähigkeiten korrekt einzuschätzen?
Sind wir nicht, sonst wäre diese Welt ja nicht so schräg (lacht). Ansonsten hängt diese Selbsteinschätzung auch von der Lebensphase ab. Wenn wir junge Bergsteiger anschauen, dann merken wir, dass wir älter geworden sind und heute sagen: So haben wir das auch mal erlebt, aber so würden wir es heute nicht mehr machen. Ist das jetzt Erfahrung oder einfach mehr Angst? Oder mehr Verantwortung, weil man noch jemand hat im Leben? Selbsteinschätzung lernen wir, indem wir reflektieren. Vom Anfänger zur Könnerin zum Experten, da komme ich nur hin, wenn ich mein Tun reflektiere, für mich selbst, im Gespräch mit Freunden und Kollegen. Das ist ein lebenslanger Prozess, der einen weiter bringt im Finden und Treffen von guten Entscheidungen.

Weisen erfolgreiche Alpinistinnen und Alpinisten bestimmte Persönlichkeitsmerkmale auf, die sie besser geeignet machen als andere?
Da habe ich keine Zahlen dazu und weiß es daher auch nicht. Ich finde es auch generell schwierig, einem Menschen eine Persönlichkeit oder eine psychologische Diagnostik zuschreiben, der gar nicht da ist. Das macht man nicht, da kannst du gleich Kaffeesatz lesen. Aber sehen wir es einmal anders herum: Wird durch das Bergsteigen meine Persönlichkeit auch gebildet? Hat das Klettern uns geprägt, dich und mich? Da würden wir wohl beide ja sagen. Und für mich ist das positiv besetzt. Auf welchem Schwierigkeitslevel das jetzt stattfindet, ist eigentlich ziemlich egal. Manche können das halt einfach besser, haben mehr Erfahrung und bewegen sich in viel größeren Unsicherheiten. Aber sie haben auch die größeren Fähigkeiten und wissen, worauf sie sich eingelassen haben. Die andere sagt: „Große Zinne Normalweg, wunderbar, da habe ich genug zu kämpfen mit mir.“ Das ist ein anderes Level, aber auch für sie bildet sich die Persönlichkeit.

Wie kommt man in der Seilschaft aus einer Situation, in der man sich nicht wohlfühlt, aber der oder die andere will weiter?
Wunderbar ist natürlich, wenn eine Seilschaft oder Gruppe homogen ist. Aber selbst dann ist mal der eine oder die andere stärker oder schwächer. Meistens haben solche Seilschaften oder Gruppen gelernt, damit umzugehen. Du hast ein sehr unzufriedenstellendes Bild gezeichnet, dass einer oder eine nur weitergeht, weil der andere es will. Da würde ich dann nicht mehr mitgehen, weil ich darauf keinen Bock hätte. Ich kann nur eine Empfehlung aussprechen: Das, was du gerne machst – nämlich in die Berge gehen –, ist noch mal schöner, wenn du die richtige Seilpartnerin oder den richtigen Seilpartner hast.

Aber was mache ich, wenn ich mich absolut unwohl fühle und mir in der Tour Zweifel kommen. Die darf ich doch anmelden?
Ja. Erst wenn du sagst, wie es dir gerade geht und was deine Sorgen sind, hat das Gegenüber die Möglichkeit zu verstehen, um was es da geht. Es kann ja sein, dass die Person das ganz anders sieht. Und die Hoffnung zu haben, dass der andere irgendwie spürt, dass dir unwohl ist, dass ist nicht ideal. Was hilfreich ist und was einem persönlich gut tut: Ganz kurze, prägnante Sätze, wie es dir gerade geht. Dann habe ich die Möglichkeit, das nachzuvollziehen, dir zu erklären, dass ich das anders sehe, oder eine Handlung einzuleiten.

Gibt es bestimmte Sicherheitsprinzipien, denen du bei deiner Arbeit folgst?
Zu meiner Arbeit gehört, dass ich immer gut vorbereitet bin, also eine Planung habe. Dann gehört dazu, dass ich gut trainiert bin und mich fit fühle. Und schließlich ist auch die ganze Ausrüstung Teil meiner Sicherheit. Dass ich aktuelle Ausrüstung habe, die auch gut verwenden kann und eigene Erfahrungen habe, was besser und was schlechter funktioniert. Wobei das ja alles immer die Grundlagen sind, um seine Arbeit gut zu machen. Aber letztendlich verkaufen Bergführer ja keine Sicherheit. Meine Dienstleistung ist meine Fähigkeit, mein Können und meine Erfahrung, gewisse Situationen einschätzen zu können und Entscheidungen zu treffen. Das führt dazu, dass sich Menschen sicher fühlen. Ich nehme aber wahr, dass die Menschen vergessen haben, dass man in den Bergen umkommen kann. Selbst in der Kletterhalle, wenn es blöd läuft. Das zu erkennen und zu akzeptieren ist für mich eine innere Haltung, und so kommuniziere ich das auch meinen Gästen. Dass dieser Risikoraum und diese Unsicherheiten zu dem schönen Erlebnis Berg dazugehören und auch dazu beitragen, dass die Berge so schön sind. Und dann erkläre ich, dass wir hier jetzt alles tun werden, damit wir ein gutes und schönes Erlebnis haben.

Erste Hilfe bei Panikattacken am Fels oder Berg

Was tun, wenn ein Mensch beim Klettern oder am Berg von Angstgefühlen überwältigt wird?

Fall 1: Beim Sportklettern bleibt der Vorsteiger zwischen zwei Haken 10, 15 Minuten stehen und bewegt sich gar nicht mehr, ist auch nicht mehr ansprechbar. Irgendwann klettert er plötzlich weiter.
Aus psychologischer Sicht würde man sagen: Der ist in eine Panik gelaufen. Und das sogenannte „Festfrieren“ ist ein Verhalten, das Menschen in einer Panikattacke zeigen können. Das ist ein klinisches Bild, aber sehr selten. Die Wahrnehmung der Person, die da zwischen den Haken steht, ist: „Ich werde sterben.“ Der Mensch erlebt einen kompletten Kontrollverlust. Gleichzeitig ist diese Person aber immer noch eine denkende Person. Was nicht hilft, ist Anfeuern oder rufen „Stell dich nicht so an!“ Was man wissen muss: Der Mensch in der Panik denkt, das geht immer so weiter und wird immer schlimmer. Aber letztlich flacht die Panik ab und ist irgendwann vorbei. Solange keine Gefahr im Verzug ist, heißt es also abwarten, bis der Peak vorbei ist und die Person langsam wieder Kontrolle erreicht.

Fall 2: Jemand weigert sich, einen exponierten Weg, wo theoretisch durchaus auch Absturzgefahr bestehen kann, zu gehen und rührt sich, an die Wand gelehnt, nicht mehr vom Fleck.
Man weiß zumindest, dass eine Person in einer solchen Situation keine Übersprungshandlung macht. Das wäre, wenn die Person sagt: „Ich halt‘s nicht mehr aus“ und nach unten springt. Das ist nicht bekannt. Die wird eher festfrieren. Was viele Menschen in ihrer Unsicherheit an solchen Stellen tun, ist sich gegen den Hang zu lehnen anstatt aufrecht zu stehen oder zu gehen. Damit verschiebt sich der Körperschwerpunkt nach innen und die Schuhe rutschen eher noch, was das Unsicherheitsgefühl verstärkt. Was du machen kannst, ist: den Peak der Panik abwarten; durch Anseilen die Absturzgefahr ausschalten; jeden Schritt und jeden Griff ansagen und anzeigen. Denn was macht die Person, wenn sie nickt oder meinem Finger folgt? Sie hat – und wenn es nur ein kleines bisschen ist – wieder Kontrolle erlangt.

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| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Und ob ich das kann! Freundin 2023

By Beitrag
Beitrag erschienen in Freundin 21/2023

Jetzt kenne ich meine Grenzen. Und Respektiere Sie.

Text: Nina Banneyer, Johanna Mohr, Anna-Helene Leitz
Illustrationen: Charlotte Ager

Auf einem winzigen Vorsprung stehen meine Füße, mein Körper an den nackten Felsen gepresst. Runterschauen? Auf keinen Fall. Mein Atem rast, mein Herz auch. Was, wenn ich eine falsche Bewegung mache? Ich sehe mich schon unten liegen. Von oben höre ich ungeduldig: „Los, weiter – ist nicht mehr weit!“ Sagt sich so leicht. Ich bin wie gelähmt vor Panik. Wie komme ich hier nur raus? Vielleicht mit dem Rettungshubschrauber?

Die erste Attacke von Höhenangst packte mich vor etwa 4 Jahren auf einer anstrengenden Bergtour, die über einen Klettersteig führte. Ich war selbst überrascht. Und erschrocken, als die Angst danach immer häufiger zuschlug. Als mich schließlich sogar auf einem Balkon im fünften Stock Panikgefühle überkommen, beschließe ich, aktiv zu werden. Über den Tipp einer Ex-Kollegin finde ich zu Pauli Trenkwalder. Erfahrener Bergführer, diplomierter Psychologe und Coach. Er begleitet Leute wie mich, die unter Höhenangst leiden. In einem Telefonat versuchen wir herauszufinden, ob es für uns beide passt, wie Pauli sagt. Pauli ist sympathisch, vertrauensweckend, und er hört genau zu. Ich erzähle ihm alles: von meiner Höhenangst seit der Panikattacke auf dem Berg, wie schlimm es für mich war, zu erleben, dass mein Körper nicht mehr das tat hat, was ich wollte. Und dass mich inzwischen Angst überfällt, wenn ich nur auf einem hohen Balkon stehe. Pauli bittet mich, zu erzählen, wie es zu dem Ereignis gekommen sei. Zu dem „Ausgesetztsein“, wie er es in seinem angenehmen Südtiroler Dialekt nennt. Ich erzähle, dass ich mich bei der Planung einer vermeintlich mittelschweren Wanderung komplett auf meinen Begleiter verlassen habe. Und wie unwohl ich mich fühlte, als wir den Weg verloren und auf einer rutschigen, steil abfallenden Bergflanke landeten. Meine Knie zitterten, als wir uns schließlich vor einem Klettersteig wiederfanden, wo Stahlseile und Haken in den Berg gehauen waren. Ich verdrängte mein ungutes Gefühl, bis ich schließlich bewegungslos am Felsen hing. Mein Begleiter reagierte verständnislos. „Angst gibt es nicht“, rief er mir stattdessen zu.

Pauli sieht das anders. „Angst in der Höhe ist eine natürliche Reaktion des Körpers, die Sinn hat“, sagt er. „Sie ist schützend.“ Und die Angst auf dem Balkon? „Die macht nicht so viel Sinn. Das können wir uns anschauen.“ Zwei Monate später treffen wir uns in Sterzing in Südtirol. Hier soll ich meine Höhenangst hinter mir lassen. Und zwar am Berg. „Was ist dein Ziel?“, fragt Pauli mich, als wir uns am Abend zuvor zum Vorgespräch treffen. „Ich möchte einen Klettersteig gehen können“, antworte ich wild entschlossen. Pauli stutzt. Warum gleich einen Klettersteig? Weil ich zum Ursprung meiner Angst zurückgehen möchte. Ich möchte genau die Bewegungsunfähigkeit überwinden, die mich damals lähmte. Und gleichzeitig merke ich, wie nervös mich mein im Wortsinn hochgestecktes Ziel macht. Ich habe echt Bammel.

Am nächsten Tag fahren wir in ein abgeschiedenes Bergtal. Respekt einflößende graue Steinberge erheben sich über mir, manche von ihnen sind mit Schnee bedeckt. Meine Idee, einen Klettersteig gehen zu wollen, kommt mir jetzt reichlich übertrieben vor. Noch dazu sehe ich etwas skeptisch, wie Pauli Helme, lange Seile und Klettergurte und Karabinerhaken einpackt. Was hat er vor? Ich stapfe hinter ihm die Blumenwiese hoch. Als Pauli anhält, stehen wir an einer Stelle, wo es sanft den Berg hinunter geht. Ein kleiner Abhang mit Gebüsch und Gehölz. Pauli fragt: „Wie geht es dir? Ist das aushaltbar für dich?“ Was? – denke ich, dieser kleine Abhang soll mir Angst einflößen? „Nein, alles gut.“ Manche hätten hier schon Höhenangst, erzählt er mir. Für mich unvorstellbar, denn hier hole ich mir allenfalls ein paar blaue Flecken, wenn ich stolpere und hinunterfalle. „Siehst du“, sagt er. „Du kannst es dir rational erklären.“ Wir marschieren weiter, der Weg wird schmaler und abschüssiger. Geröll und Kiesel am Wegesrand, kein abpolsterndes Gebüsch mehr. Herunterfallen möchte ich hier nicht. „Und?“, fragt Pauli, „wie ist es hier?“ „In Ordnung“, sage ich. Ich habe keine Angst. Nächster Stopp. Ein grasiges Plateau, unter uns die letzten Bäume. Ich sage: „Solange ich Bäume sehe, geht es mir gut, da habe ich keine Angst.“ Pauli erwidert. „Da weiß jemand, wie weit er gehen kann“. Meine persönliche Grenze ist also gesetzt.

Dann stehen wir vor dem Klettersteig. In den Berg gehauene Stahlseile führen steil hinauf. „Fühlst du dich bereit?“, fragt Pauli. Ich nicke. Ich bekomme einen Klettergurt, der um die Hüfte und um die Beine geschlungen ist. Daran wird das Klettersteigset befestigt, an dem zwei Karabiner an Zugseilen hängen. Ich kann mich also selbst sichern an dem Stahlseil, das in dem Berg eingelassen ist. Zusätzlich dazu sichert mich Pauli mit Seilen. Er sagt: „Ich vertraue dir, dass du das schaffst, und Du vertraust mir, dass ich dich halte.“ Es kann mir also nichts passieren. Dieses Vertrauen, das merke ich jetzt, ist das Allentscheidende. Ich fühle mich sicher. Aufgeregt, aber ohne Angst. Pauli erklärt mir, wie hoch dieser Klettersteig geht und welchen Verlauf er hat. Auch das ist wichtig. Ungewissheit verunsichert und verängstigt. In etwa zu wissen, was auf einen zukommt, hat etwas Beruhigendes. Dann geht es los. Ich konzentriere mich auf die Tritte, halte mich am Seil oder an Steingriffen fest. Und stelle erstaunt fest: Es macht Spaß, großen Spaß sogar! Ruck Zuck bin ich oben.

Ich bin stolz, es bis hier hingeschafft zu haben. Aber auch irritiert. Habe ich doch gar keine Höhenangst? War das nur Einbildung? Wenn es jetzt so einfach für mich ist, was ist dann bei dieser Panikattacke am Berg passiert? „Du hättest den Klettersteig damals wahrscheinlich sogar geschafft, wenn du nicht schon vorher am Steilstück Angst bekommen hättest“, sagt Pauli. „So war deine psychische Kraft schon aufgebraucht. Jeder hat davon nur ein bestimmtes Kontingent davon. Wenn das verbraucht ist, kommt die Angst.“ Niemand sei vor Höhenangst gefeit, beruhigt er mich. Er habe schon Profi – Kletterer gesehen, die plötzlich in der Wand festhingen, weil auch sie ihre psychische Reserve aufgebraucht hatten. Deswegen sei es so wichtig, Bergtouren an den eigenen Grenzen auszurichten und gut zu planen.

Ich verstehe. Und will am liebsten gleich weiter hochsteigen, so euphorisch hat mich der Triumph über meine Angst gemacht. „Ich glaube, es ist genug“, sagt Pauli. „Höhenangst besiegt man, wenn man in kleinen Dosen positive Erlebnisse sammelt.“ Wir haben die genau richtige Dosis erreicht. Auf der Tour habe ich nicht nur gelernt, mich im Gelände so zu bewegen, dass ich mich im Gebirge sicher fühle. Vor allem habe ich gelernt, Grenzen zu erkennen und zu achten. Meine Kraft richtig einzuschätzen, in mich reinzuhorchen. Das gilt nicht nur für die Berge, sondern hilft mir auch im Alltag.

Meine Tipps gegen die Höhenangst

  1. Naturbeobachtungen beruhigen und lenken ab. Öfter mal den Blick in die Weite schweifen lassen und schauen, was man so sieht. Dabei tief ein und ausatmen.
  2. Achtung: Sich an eine vermeintlich sichere Felswand zu lehnen, versteht der Körper als Alarmsignal, weil sich der Schwerpunkt verlagert. Lieber auf beide Füße stellen und zur Mitte ausrichten.
  3. Lippenbremse: Die Lippen zusammenpressen und fest ausatmen. Bringt den Sauerstoff-Haushalt wieder ins Gleichgewicht und schwächt so die Angst- oder Panikattacken ab.

Spaziergang mit Hund – das trau ich mich jetzt

Johanna Mohr, 29, hat sich ihrer Hundeangst gestellt – und die Vierbeiner anders kennengelernt.

Es war mein erster Job, ich war 14 und unglaublich stolz: Jeden Samstag trug ich Supermarkt Werbung aus und verdiente so mein erstes eigenes Geld. An einem Morgen betrat ich ein Grundstück, das ich schon einige Male beliefert hatte. Plötzlich preschte ein Labrador- Retriever bellend auf mich zu und sprang an mir hoch. Ehe ich mich versah, biss er in die Prospekte in meiner Hand und zerfetzte sie knurrend. Zum Glück griff der Besitzer ein. Ich war trotzdem völlig verstört. Und gehe seither mit großer Angst vor Hunden durchs Leben.

Ich fürchte mich vor allem vor größeren Hunden. Was blöd ist, denn die Vierbeiner sind überall. In der Stadt, im Park, bei Freunden und immer öfter auch im Büro. Allein joggen im Feld? Für mich unmöglich. Auf dem Gehweg wechsle ich die Seite, wenn mir ein Mensch mit Hund entgegenkommt. Wie oft habe ich mich schon hinter Bäumen, Müllcontainern oder Autos versteckt, weil irgendwo ein frei laufender Hund herumscharwenzelte? Dass meine Hundeangst nur von sehr wenigen Menschen ernst genommen wird, macht es nicht leichter. Aussagen wie „Der tut doch nichts“, helfen einem nicht. Dabei mag ich Hunde sogar. Trotzdem hielt ich sie die letzten 15 Jahre lieber auf Distanz.

Als ich dieses Jahr in eine neue Wohnung ziehe – mit einer Mitbewohnerin, die ihren Windhund ab und zu da hat – beschließe ich: Es muss sich was ändern. Auf meiner Suche nach einem Training stoße ich auf wecoachyou. Das Team aus fünf Mensch-Hund-Coachinnen, mit Standorten in Offenburg, Frankfurt, München, Polling und Dresden, verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der die individuellen Persönlichkeitsmerkmale von Mensch und Hund berücksichtigt (wecoachyou.de). Von den Coachinnen ist eine Veterinärmedizinerin und drei andere sind staatlich geprüfte Hundetrainerinnen.

Beim Kennenlerntermin mit Petra Metz und Angelika Peter sprechen wir über den Auslöser meiner Angst – und ganz viel anderes: über meine Eltern, ehemalige Lehrkräfte, meinen Partner und Freunde, über Introversion und Unsicherheiten. Ich lerne, dass es okay ist, Angst zu haben, und ich mich dafür nicht schämen muss. Und noch viel wichtiger: ich darf erwarten, dass man meine Angst respektiert. Zum Abschluss geben mir die beiden konkrete Tipps zur Bewältigung von Angstattacken. Mein Körper reagiert meist mit Schwitzen und schnellem Atem, ich verkrampfe und kämpfe mit den Tränen. Was da hilft? „Schreien zum Beispiel“, sagt Petra. „Manche singen auch, hüpfen auf und ab oder schütteln sich. Egal wie, du musst die Anspannung im wahrsten Sinne abschütteln, damit du nicht noch mehr verkrampfst“, erklärt sie.

Gelegenheit dazu bietet sich zwei Wochen später beim Seminar „Dein Hund & Du“. Petra und Angelika wollen uns anleiten, das Wesen eines Hundes besser zu erkennen und zu verstehen. Wir schauen uns verschiedene Hunderassen an. Ich lerne, dass auch Hunde intro- oder extravertiert sind und jeder Hund eine Rolle hat: Entscheidungsträger, Leithund oder Mitarbeiter. Dann üben wir mit echten Tieren. Als ein Hund eine schnell laufende Teilnehmerin bellend verfolgt, erschrecke ich. Bellen triggert meine große Angst, gebissen zu werden. Wie empfohlen reagiere ich mit kräftigem Schütteln und einem lauten „woah“. Und tatsächlich: Ich bin weniger angespannt. „Ein Hund, der bellt, hat was zu sagen“, erklärt mir Petra. Und dass es sehr lange dauert, bis ein Hund wirklich beißt. „Nur wenn er sich bedrängt fühlt.“ Gehe ich also an einem Hund vorbei, der mich anbellt, kann ich sagen: „Ich möchte nur hier lang gehen. Ich tue dir nichts, du tust mir nichts.“ Hunde, so Angelika, spüren die Energie eines Menschen. Je vertrauensvoller ich zu mir selbst bin, desto besser können auch Hunde mich einschätzen.

Zum Abschluss nehmen mich Teilnehmer Martin und seine Hündin Kira mit auf einen Spaziergang. Wir laufen durchs Feld, Kira streift an meinen Beinen vorbei. Ich bin innerlich bei mir und weiß, dass sie nur schnuppert. Dass keine Gefahr von ihr ausgeht, das spürt auch sie. Als uns ein körperlich deutlich überlegener Rüde entgegenkommt, drehen wir auf meinen Wunsch dann aber doch um. „Du kannst nicht von heute auf morgen den Schalter umlegen. Das ist ein langer Prozess, der einfach Zeit braucht“, ermutigen mich die Coachinnen. Immerhin: Ein Anfang ist gemacht.

Meine Tipps gegen Angst vor Hunden

  1. Bewältigungsstrategien wie Singen oder sich schütteln helfen während der Angstattacke, überschüssige Energie loszuwerden.
  2. Kleine oder besonders sanftmütige Hunde sind ein guter Anfang, um sich den Vierbeinern anzunähern.
  3. Ihre Freundin hat einen Hund? Begleiten Sie sie auf die Hundewiese und beobachten Sie die Tiere und ihr Verhalten aus sicherem Abstand.

Ich fahre wieder. Und werde jeden Tag sicherer.

Anna-Helene Leitz, 44, hat sich nach über 20 Jahren wieder ans Steuer getraut – dank Fahrstunden bei einer spezialisierten Lehrerin.

Die Ampel springt auf Grün. Ich gebe Gas. Rechts abbiegen. Nach 350 Metern halte ich am Straßenrand, blinke, parke rückwärts ein. Geschafft. Mit einem stolzen Lächeln ziehe ich den Schlüssel ab. Ich habe gerade meinen Sohn von seinem Freund abgeholt – mit dem Auto.

Klingt total selbstverständlich für Sie? Für mich war es das lange nicht. Dabei habe ich meinen Führerschein seit fast 25 Jahren. Gefahren bin ich davon allerdings nur knapp drei. Mit Anfang 20 geriet ich mit einem Kleinbus auf der Autobahn ins Schleudern. Ich hatte Todesangst und obwohl zum Glück nichts passierte – mein damaliger Freund griff ins Lenkrad und half mir, das Auto auf dem Standstreifen zum Stehen zu bringen – habe ich mich ab diesem Moment nicht mehr hinters Steuer getraut. Aus Angst, wieder die Kontrolle über ein Fahrzeug zu verlieren und dadurch mich und andere in Gefahr zu bringen.

Vermeidungsverhalten nennen das Verkehrspsychologen wie Birgit Scheucher von der Verkehrspsychologischen Praxis München. Das Problem: „Das Vermeiden schützt zwar vor angstauslösenden Situationen, verhindert aber langfristig, dass das Gehirn neue, positive Erfahrungen mit dem Autofahren verknüpft. So bleibt die Angst bestehen und ist beim nächsten Fahrversuch möglicherweise noch größer.“ Diese Erfahrung musste auch ich machen: Einmal fuhr ich mit meinem Mann um den Block, ein anderes Mal nahm ich eine Auffrischungsstunde in einer örtlichen Fahrschule. Beide Male war ich danach noch unsicherer als vorher. Gleichzeitig ärgerte ich mich immer mehr darüber, so unselbstständig zu sein. Ständig musste ich andere bitten, mich mitzunehmen, meine Kinder zum Turnen, zum Reiten, zum Oboenunterricht zu fahren.

Vor gut einem Jahr beschließe ich also, es noch einmal zu versuchen – diesmal mit einer Expertin und in meinem eigenen Tempo. Ich melde mich bei Nina Kandlbinder von der Münchner Fahrschule „Pro-Frau“ (frauen-fahrschule.com). Die 44-Jährige hat sich auf Frauen mit Fahrangst spezialisiert, zu ihr kommen Schülerinnen jeden Alters, von Mitte 20 bis über 60. „Sie sind längst nicht die Einzige“, beruhigt sie mich im Vorgespräch. Trotzdem bin ich vor der ersten Stunde unglaublich nervös: Was, wenn ich wirklich nicht mehr fahren kann? Wenn ich das Gaspedal nicht mehr finde? Oder das Auto beim Ausparken an die Wand setze? Aber meine Sorgen sind unbegründet. Nina Kandlbinder nimmt sich die Zeit, mir alles noch mal von Grund auf zu zeigen: Spiegel einstellen, Blinker setzen, rückwärtsfahren. „Der erste Schritt ist es, mit dem Auto vertraut zu werden, das ist die Basis, auf der alles aufbaut.“ Die ersten beiden Stunden üben wir nur auf dem Parkplatz. Im Schritttempo fahre ich von Lücke zu Lücke, immer darauf bedacht, das Lenkrad gerade zu halten. Danach geht es durchs Wohngebiet. Ich wiederhole, worauf es beim Linksabbiegen ankommt, „großer Bogen, auf Gegenverkehr und Radfahrer achten!“, und wie man beim Rückwärtseinparken korrigiert.

Von Stunde zu Stunde achte ich weniger auf mich und fokussiere mehr auf den Verkehr um mich herum. Das gibt mir die nötige Sicherheit, um mich in die belebte Innenstadt und schließlich auch auf die Autobahn zu trauen. „Konzentrieren Sie sich auf den Abstand zum Vordermann und lassen Sie sich nicht drängeln“, rät mir Nina Kandlbinder mit ruhiger Stimme. Nie wird sie laut, nie ungeduldig – im Gegenteil, wir lachen unheimlich viel miteinander. Nach jeder Stunde besprechen wir die kritischen Situationen, aber auch, was richtig gut gelaufen ist. Ich bekomme Hausaufgaben, zum Beispiel sonntags zum Supermarkt zu fahren, um das Einparken zu üben. So kann ich auch die Zeit zwischen den Stunden nutzen. Dazu gibt es ein Begleitbuch für die Theorie. Aus den geplanten zehn Fahrstunden werden schließlich 14. Die erste habe ich im September gemacht, die letzte im Mai. Ich habe mir Zeit gelassen, viel geübt. Und auch ein paar Dellen in unser Auto gefahren (die Einfahrt ist wirklich sehr schmal). Aber jetzt fahre ich wieder. Und ich werde jeden Tag sicherer.

Meine Tipps gegen Fahrangst

  1. Nicht drängeln lassen. Brenzlige Situationen entstehen meist durch Hektik.
  2. Nicht fahren, wenn man wütend oder traurig ist. Miese Laune überträgt sich sofort auf den Fahrstil. Besser: zur Ruhe kommen oder doch das Rad nehmen.
  3. Üben, üben, üben. Am besten am Sonntagmorgen, da ist wenig Verkehr.
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| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Meine Couch sind die Berge. Interview in Alp-Lines 2022

By Interview
Interview erschienen in Alp-Lines 2022

Psychologe und Bergführer Pauli Trenkwalder im Portrait

Wir treffen Pauli Trenkwalder im Ridnauntal der Gemeinde Ratschings. Von hier ist es nur noch ein Steinwurf hinüber ins benachbarte Pflerschtal, wo der Psychologe gemeinsam mit seiner Frau und Tochter lebt. Der sportliche Südtiroler sitzt uns mit langen, lockigen Haaren und wachen Augen gegenüber. Dabei erzählt er, wie er zwei auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Berufe vereint, welche Vorteile die Natur bietet, wenn man sie nur als Arbeitsplatz zulässt. Und er erzählt, dass seine eigentliche Aufgabe nicht das Erzählen, sondern vielmehr das Zuhören ist.

Pauli lebt schon immer hier, nahe dem Brenner, in den Südtiroler Bergen. Was zuerst da war, möchten wir von ihm wissen: Der Bergsteiger in ihm, oder der Psychologe?

Die Leidenschaft, das Interesse war von beidem da. Das eine war ein Studium. Das andere entwickelte sich aus einer Leidenschaft. Aus dem Klettern. Aus dem Bergsteigen. Aus dem Tun.

Und so dauerte es nicht lange, bis der junge Trenkwalder sich fragte, ob man davon nicht auch leben könne. Mit vielen Freunden und Bekannten, die entweder noch in der Bergführerausbildung oder schon ausgebildet waren, sah er einen Weg. Quasi zweigleisig schloss er beides ab. In München folgte eine systemische Ausbildung, in Österreich eine klinische und gesundheitspsychologische Ausbildung. Und dann kombinierte der Bergfreund, was seiner Meinung nach ohnehin gar nicht so weit voneinander entfernt ist.

Meine Couch sind die Berge. Ich bin zwar immer noch ganz klassisch rein als Bergführer und im Lehrteam des Deutschen Alpenvereins als Ausbilder unterwegs, aber eben auch als Psychologe. Mit den Menschen, die zu mir kommen, gehe ich dann raus – in die Berge.

Italien, Deutschland, Schweiz: Paulis Werdegang ist fast im ganzen Alpenraum verstreut. Er ist ein Macher. Energiegeladen. Und zweifelsfrei mit einem festen Willen. Die Kombination Bergführer und Psychologe gäbe es ja nicht oft, so sagt er. Aber die Kombination macht eben auch Sinn!

Am ehesten lässt sich das vielleicht mit einem Zitat einer meiner Kundinnen beschreiben. Die leidenschaftliche Skifahrerin sagte mir auf einer Skitour, dass sie glaube, wenn ihr Herz aufgehe, wie in diesem Moment kurz vor der pulvrigen Abfahrt, dann gehe ja auch viel leichter etwas in dieses Herz hinein!

Wer sind die Menschen, die Trenkwalder aufsuchen? Und was kann er für sie tun? Der Bergpsychologe beschreibt auf diese Frage sein Tun als niederschwelliges, psychologisches Angebot. Wer berufliche oder private Entscheidungen treffen muss, wer so etwas gerne extern besprechen möchte, der ist bei Pauli genau richtig aufgehoben.

Selbstverständlich sind das Menschen, die ohnehin schon einen großen Bezug zu den Bergen haben. Und draußen auf Tour, ist die psychologische Arbeit Trenkwalders keine andere als die eines ganz gewöhnlichen Psychologen. Doch ist es die Natur, die Umgebung, oder viel mehr was wir Menschen in ihr sehen, was beiden Seiten einen enormen Vorteil bieten kann.

Oft sprechen wir dann über Stunden nichts. Das sind wertvolle Momente. Manchmal höre ich auch nur zu. Die Menschen, die zu mir kommen haben ja keine psychische Erkrankung. Sie brauchen keine Therapie, sondern eine Unterstützung, eine Hilfestellung in einer schwierigen Situation.

Teambuilding. Waldbaden. Die Heilkraft der Natur. Mit all dem kann Pauli recht wenig anfangen – schließlich sei das ja kein Hokuspokus was er da mache. Was folgt, ist ein Erklärungsversuch. Das Setting, also der Rahmen, in welchem diese Gespräche stattfinden, sind die Berge. Da ist es erstmal zweitrangig, ob das nun ein Spaziergang, eine Bergwanderung, eine Kletter-, oder Skitour ist. Wichtig sei eben, dass einem das Herz aufgehe.

An die eigenen Grenzen zu gehen sei dabei nicht nötig, meistens auch gar nicht förderlich. Viel wichtiger sei es, dass die Beziehungsebene zwischen dem Klienten und ihm passend ist, eine Ebene, auf der man etwas gemeinsam hat. Im besten Fall bewegt man sich auf der gleichen Wellenlänge. Diese Beziehungsarbeit ist ein wichtiger Teil seiner Aufgabe und gerade hier tun ihm die Berge einen großen Gefallen. Meistens kommen die Menschen mit einer positiven Grundeinstellung zu ihm. Immerhin geht es ja in die Berge, in ein Abenteuer, ins Vergnügen, odereinfach in den Urlaub. Das ist das Fundament.

Dazu kommt, dass wir nicht nur eine Stunde in einem Raum miteinander verbringen, sondern den ganzen Tag! Unterwegs ist es befreiend, wenn der Blick schweifen kann. Es gibt nicht diesen Druck: Was soll ich jetzt tun? Was soll ich jetzt sagen? Oft passiert zwischen meinem Gast und mir stundenlang scheinbar nichts. Doch der Schein trügt. Oft passiert genau in diesen Momenten sehr viel!

Wir philosophieren noch lange über Paulis Arbeitsweise. Über die Berge. Über die anspruchsvollen Erstbegehungen in weit entfernten Ländern, die ihm gelangen, lange bevor er als Ehemann und Familienvater ein neues Lebenskapitel eröffnete. Heute fotografiert er leidenschaftlich gerne. Natürlich das Lieblingsmotiv: Große Berge und kleine Menschen. 

Uns gegenüber sitzt ein interessanter Mensch, eine spannende Persönlichkeit, die ganz sicher gefunden hat, was sie glücklich gemacht hat. Denn auch das, so sagt er, muss man ja erstmal finden. Spüren. Erleben!

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| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Ich kann nicht mehr! Süddeutsche Zeitung 2021

By Beitrag
Beitrag erschienen in der Süddeutschen Zeitung, 3./4. Juli 2021

Auf Berge zu steigen, ist zunächst einmal: anstrengend und nutzlos. Dennoch wandern und klettern immer mehr Menschen auf Gipfel. Was gibt ihnen der schweißtreibende Weg in die Höhe? Eine psychologische Spurensuche auf einer Bergtour mit der Familie.

Text: Sebastian Herrmann

Dicke, gelbe Blüten durchtupfen die saftigen Almwiesen. Ein milder Wind wogt das Meer aus Halmen und Blumen. Über den Himmel ziehen ein paar Wolken von watteweicher Kuscheligkeit. Ein Bach plätschert gen Tal, Enzian wächst am Wegesrand, Blaubeersträucher schmiegen sich an Felsbrocken. Schmetterlinge taumeln durch die Schatten der großen Fichten, Lärchen, Kiefern und anderen Bäume, die ihre ausladenden Äste über die Hänge breiten. Am Horizont ragen die Felsformationen der Dolomiten empor. Ist das dort der Peitlerkofel oder der, die, das Furchetta? Die Gipfel-App auf dem Smartphone streikt, das Netz hier oben schwächelt, ein Glück. Sommer in Südtirol, Sommer in den Bergen, die Morgenluft ist frisch und klar, nirgends kann es gerade schöner sein als hier in den Bergen.

„Ich kann nicht mehr“, jammert der sechsjährige Sohn.

Der Aufbruch liegt maximal zehn Minuten zurück, welche das sechs und zehnjährige Brüdergespann genutzt hat, sich um die Kamera zu streiten.

„Wir sind gerade erst losgegangen“, jammert der Vater und fasst den Vorsatz, entspannt zu bleiben.

„Kindgerecht“ soll diese Tour sein. Zwar befindet sich die Familienwandergruppe auf etwa 2000 Metern Höhe. Aber die Wege verlaufen fast eben durch Almwiesen, nur selten geht es kurz bergauf. Das nächste Ziel ist eine Portion Kaiserschmarrn auf einer Hütte in, großzügig geschätzt, eineinhalb Stunden Entfernung.

„Warum muss man in den Bergen wandern gehen?“, legt der Sechsjährige nach.

Da pikst der Junge den Vorschulfinger in eine Grundwunde des Alpinismus. Er äußert eine Frage, die sich stellt, wenn Extremsportler ihr Leben riskieren. Eine Frage, die sich vor Bergsteigern ohne Hochleistungsambition auftürmt, wenn auf einer Tour die Erschöpfung gnadenlos einsetzt. Eine Frage, die sich Kinder stellen, wenn sie mit ihren Eltern in den Bergen ein bisschen wandern sollen: Wozu steigt ein Mensch auf einen Berg, wo es doch auch im Tal Kaiserschmarrn gibt?

„Um Gott zu finden“, soll der italienische Dichter Francesco Petrarca 1335 gesagt haben, dessen Besteigung des Mont Ventoux oft als Geburtsstunde des Bergebesteigens um seiner selbst willen verklärt wird.

„Weil er da ist“, lautete die berühmte Antwort des britischen Alpinisten George Mallory, als er nach seiner Motivation zur Bezwingung des Mount Everest befragt wurde, an dem er 1924 verscholl.

Weil er als Mann „keine Kinder bekommen“ könne, soll Reinhold Messner einmal gesagt haben.

„Weil es schön ist“, sagt der Vater zu seinem Sohn.

„Es ist nicht schön“, sagt der Sohn.

Zwischenfazit nach einer halben Stunde Familienwanderung: Was Menschen in den Bergen suchen und finden, klärt sich nur mühsam auf. Die gängige Bergliteratur liefert ebenfalls nur einen zarten Hinweis. Alpinisten der Gegenwart verbrämen ihre Expeditionen als quasispirituelle Klettertour zu sich selbst: Wo Petrarca noch den lieben Gott suchte, erwarteten Bergsteiger heute die Wunschversion ihres Ichs. Auch das lässt sich als zeitgeistiger Ausdruck von Ratlosigkeit lesen. Es zeigt aber: Die Berge und die Bewegung in ihnen wirkt auf die Psyche des Menschen, offenbar vor allem auf positive Weise.

 Weiß die Wissenschaft die Route zu tieferen Einsichten?

Die unmittelbare Sinnlosigkeit, auf einen Berg zu steigen, hat den Verhaltensökonomen George Loewenstein einmal dazu verleitet, einen klassischen Aufsatz über die Motivation von Bergsteigern zu schreiben. Die Ökonomie frage ja stets nach dem reinen Nutzen von Gütern, Erfahrungen oder Transaktionen, so der Forscher. Die Grundannahme lautet: Menschen entscheiden sich für Dinge, die sie mögen. Aber ernsthaftes Bergsteigen sei sehr oft eine elende Erfahrung, so Loewenstein, Kälte, Nässe, Erschöpfung, Hunger, Durst, Angst, Erfrierungen, quälend lange Märsche, um dann quälend lange Klettereien anzutreten. Das widerspricht dem klassischen ökonomischen Denken.

 „Ich kann wirklich nicht mehr“, sagt der Sechsjährige.

Es braucht keine Expedition. Auf den Nanga Parbat, um zu begreifen: Unmittelbarer Spaß ist eine Tour in die Berge selten. Diese Erkenntnis liefert auch eine Tour mit Kindern. Aber die Lust am Bergsteigen speist sich aus genau diesem Paradoxon: Es ist großartig, weil es so schrecklich sein kann. Die nötige Anstrengung könnte, so zeigt psychologische Forschung, sinnstiftend wirken. Das leicht Verfügbare gibt rasche Zufriedenheit, das Schwere und die Überwindung schenken hingegen Gefühle von Sinn und Stolz. Vielleicht ist das ein klitzekleines bisschen damit vergleichbar, Kinder zu haben: Es ist anstrengend, es kostet Kraft, Schlaf, Energie, Nerven, Zeit – und es ist das Größte der Welt. Das akute Glück sackt müde zusammen, wenn die Kleinen fordern, nerven, nölen, das Leben aber bekommt durch sie: einen Sinn.

Aspekte davon stecken womöglich in dem Drang, Gipfel zu besteigen. Zum Sehnsuchtsort bewegungswilliger Massen haben sich die Berge schließlich erst parallel zum Rückgang körperlicher Plackerei im Alltag entwickelt. Es waren englische Adelige, die vor gut 200 Jahren den Alpinismus in die Alpen brachten. Die Lords von der Insel sahen einen Abenteuerspielplatz. Für die Bewohner vor Ort waren die Berge hingegen etwas Bedrohliches, etwas Lebensfeindliches, dort hausten Dämonen. Und wozu braucht es Freizeitschinderei, wenn das Leben ohnehin aus Hunger, Erschöpfung, Kälte und harter Arbeit besteht? Womöglich ist das Bergsteigen eine Simulation dieser überwundenen Alltagshärten. Die schlimmsten Erfahrungen auf solchen Touren erzeugten die besten Erinnerungen, schreibt Loewenstein. Überstandene Zumutungen verklären sich zu intensiven Erinnerungen.

Der Sechsjährige fängt an zu singen. „Last Christmas“ von Wham! Wirklich. Der schlimmste aller Weihnachtsohrwürmer. Sein Bruder fällt ein. Das nur lautmalerische Englisch ist herzzerreißend.

 Die Bewegung in den Bergen entspannt, manchmal sogar die Kinder. Studien legen nahe, dass Wandern und vergleichbare Aktivitäten Stress reduzieren, Anspannung lösen und das Denken lüften. Die Alltagsschinderei besteht heute für sehr viele Menschen weniger aus körperlichen Strapazen als aus Terminstress, Entscheidungsüberforderung und oft aus der Frage, welche von den unzähligen Möglichkeiten für Projekte, Arbeit, Freizeit nun ausgewählt werden sollen. Eine Bergtour reduziert diese Überforderung, weil sie die Zahl der Möglichkeiten radikal verkleinert. Es geht nur darum, das anvisierte Ziel zu erreichen.

 Erwachsene hören auf, über Vorgesetzte zu grübeln, und finden in die reine Tätigkeit des Gehens. Auch den Kindern gelingt das phasenweise: Statt ein paar Folgen „PawPatrol“ auf dem Tablet oder eine Portion Süßigkeiten einzumaulen, laufen sie, weil in den Bergen kaum andere Möglichkeiten der Bespaßung bestehen. Das Denken lockert sich. Der Rhythmus der Bewegung fördert Ohrwürmer, Ideen und Gedanken zutage, die im Alltag blockiert werden. Gelegentlich stellt sich dabei ein Zustand ein, den der Glücksforscher und Psychologe Mihály Csíkszentmihályi als „Flow“ bezeichnet hat: die völlige mentale Vertiefung in die aktuelle Tätigkeit. Der Rest der Welt blendet sich aus, es gibt nur mehr Bewegung, Schritt für Schritt, Kletterzug für Kletterzug.

„Ich bin der beste Diamantsucher der Welt“, sagt der Sechsjährige.

Die Kinder sammeln jetzt Steine. Quarzbrocken, glitzernde Kiesel, Hauptsache, es funkelt. Sie gehen auf in dem, was sie machen. Gestört wird dieser Flow kurz von der Diskussion, wer die vielen wertvollen Schätze für den Rest der Tour tragen soll. Der Rucksack des Vaters nimmt stetig an Gewicht zu. Doch die Landschaft lenkt davon ab. Im Schatten einer einsamen Kiefer steht eine Kuh und glotzt mit leicht irr hervorstehenden Augen herüber. Am Wegrand wächst Frauenmantel, auf dessen Blättern gebogene Wassertropfen die Sonne reflektieren. Am Horizont die Gipfel. Die Psyche profitiert von Zeit, die im Grünen, im Freien verbracht wird. Landschaften reduzieren Stress, heben die Laune und verbessern die Gedächtnisleistung. Diese Effekte sind nicht riesig und ein klarer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ist schwer zu belegen. Aber dennoch, die Abwesenheit von Verkehr und Reizüberflutung entspannt, die Bergkulisse weckt Gefühle von Erhabenheit und Ehrfurcht.

 „Wie lange müssen wir noch laufen?“, fragt der Sechsjährige.

Es ist nicht mehr weit bis zur Kaiserschmarrn verheißenden Hütte. Vielleicht noch eine halbe Stunde, zwischen Almen hindurch, vorbei an einem Berghof, vor dem Hühner scharren und ein kleiner Hund sich streicheln lässt. Das Ziel liegt jetzt vor Augen. Auch das ist ein Balsam, den eine Bergtour auf die Seele salbt: Ein definiertes Ziel kann so guttun. Eine Hütte, ein Gipfel, eine Route, egal ob Leistungsanspruch oder Spaziergang, es handelt sich um Vorhaben, deren Klarheit die Psyche entspannt. Ein erreichtes Ziel beeindruckt das Selbst, es lindert Zweifel. Natürlich gilt das auch für Extrembergsteiger, die gerade neue Rekorde durch die Todeszone erklettert haben. Aber es gilt auch für die Familienmitglieder, die nach einer Wanderung erschöpft die Bergschuhe aufschnüren und genießen, wie leicht sich die befreiten Füße nach Stunden in schweren Stiefeln plötzlich anfühlen. Und natürlich geht es auch um Ruhm. Wer von einer Bergtour erzählt, erntet mehr Anerkennung, als wenn er von einem Serienmarathon auf dem Sofa berichtet. Erst recht gilt das für das „Höher, schneller, gefährlicher“ des Extremalpinismus.

„Was ist der höchste Berg der Welt?“, fragt der Sechsjährige.

Die letzte halbe Stunde vergeht also mit Gesprächen über den Mount Everest und andere Riesen aus Fels. Kinder lieben Rekorde. Es geht um die Frage des Sohnes, ob schon einmal jemand an einem Achttausender abgestürzt ist und wer da überhaupt hinaufgekrabbelt ist. Die Rede kommt auf den allgegenwärtigsten aller Bergsteiger, Reinhold Messner, und darauf, dass auf den ganz hohen Bergen auch im Sommer Schnee und Eis liegen. Dann stehen wir auf einmal vor der Hütte. Der Kaiserschmarrn schmeckt großartig, hinter dem Haus laufen ein paar junge Schweine herum, die Kinder spielen, es ist herrlich. Was könnte es jetzt Schöneres geben, als hier in den Bergen zu sein? Nach dem Essen steht irgendwann der Rückweg an, das genau gleiche Programm noch einmal.

„Papa, ich kann wirklich, wirklich, wirklich nicht mehr!“

Es ist wunderbar in den Bergen.

„Angst gehört dazu“
Ein Bergführer und Psychologe über Risikoeinschätzung am Berg.

Draußen wird mit lauten Traktorengeräuschen das Heu gewendet, sodass Pauli Trenkwalder für das Videogespräch erst mal das Fenster schließen muss. Man erwischt ihn zwischen ein paar Touren zu Hause in Südtirol, wo er mit seiner Tochter und seiner Frau lebt.

SZ: Herr Trenkwalder, wie viel Angst muss ich am Berg haben, damit sich mein Ausflug danach richtig aufregend und befriedigend anfühlt?

Pauli Trenkwalder: „Ein bisschen Angst darf schon sein, es sollte aber nicht zu viel werden!“, sagen meine Gäste gern, wenn sie ihre Wunschtour beschreiben. Angst und Sorge, also Anspannung vor der Bergtour, trägt dazu bei, dass ein Erlebnis im Gedächtnis bleibt. Zur Befriedigung führt allerdings nicht der Grad an Angst, sondern das richtige Maß zwischen Unter- und Überforderung. Gleichzeitig brauche ich die Angst am Berg dringend, denn sie ermahnt mich zu Vorsicht und Fürsorge.

Ich meinte eigentlich nicht Vorsicht, sondern dieses Gefühl, das Menschen in den Bergen suchen, wenn sie immer krassere Sachen machen.

Ich verstehe, Sie meinen den Kick. Menschen suchen ja sehr Unterschiedliches am Berg. Aber wir alle haben das Bedürfnis nach abwechslungsreichen und neuen Eindrücken, dafür nehmen wir physische, psychische und soziale Risiken auf uns. Wenn wir uns beide auf der „Sensation Seeking Scale“ vergleichen, also der Suche nach befriedigenden Stimuli, haben wir ziemlich sicher nicht dieselbe Grundlinie, um den Kick zu finden. Das hat aber wenig mit dem Berg an sich zu tun.

Extrembergsteiger sind nicht stärker auf der Suche nach existenziellen Erfahrungen, als etwa Büromenschen?

Nein, Bergsteiger sind nicht grundsätzlich risikofreudiger oder weniger ängstlich als andere. Ob High oder Low Sensation Seeker, Profibergsteiger sind sich meist sehr bewusst, mit welchem Persönlichkeitsprofil sie im Gebirge unterwegs sind und welchem Risiko sie sich aussetzten. Die grundsätzliche Verknüpfung von Bergsport und Risikofreude ist für mich nicht stimmig.

„Die Verknüpfung von Bergsport und Risikofreude ist für mich nicht stimmig.“

Es scheint Sie zu nerven, wenn man die Verknüpfung zieht, also unterstellt, dass Extrembergsteiger irgendwie todesmutiger sein müssen als der Rest der Welt.

Sehen Sie, am Ende ist Bergsteigen, wie alles, eine Tätigkeit, die man auf sehr unterschiedlichen Stufen ausführen kann. Man kann als Anfänger in die Berge gehen und eine gute Zeithaben. Oder als Fortgeschrittener. Oder als Profi. Für den Profi ist Risikoabschätzung ein Teil seines Könnens, das er mit viel Zeit maximal zu perfektionieren versucht. Natürlich ist er da besser als der Hobbybergsteiger. Profis treffen bewusst die Entscheidung, sich einem höheren Risiko auszusetzen. Dass ein Nichtbergsteiger diese Entscheidungen nicht nachvollziehen kann, liegt in der Natur der Sache. Frauen und Männer, die das Bergsteigen auf hohem Niveau praktizieren, haben über viele Jahre unzählige Erfahrungen gesammelt und reflektiert. So können sie auf eine gewachsene Intuition zurückgreifen, um gute Entscheidungen zu treffen.

Ist diese Intuition für jeden erlernbar?

Ganz automatisch passiert das auf jeden Fall nicht. Nehmen wir eine Skiabfahrt über einen Hang, der lawinengefährlich sein könnte. Wenn Sie den Hang nicht abfahren, wissen Sie im Nachhinein nicht, ob Sie eine Lawine auslösen hätten können. Wenn Sie ihn abfahren und es passiert nichts, ist es aber noch komplizierter. Sie könnten denken, Sie treffen gute Entscheidungen, weil nichts passiert ist. Gleichzeitig wissen Sie nicht, wie nahe Sie dran waren an einem Lawinenabgang. Nur wer kritische und schwierige Situationen am Berg im Nachgang nochmals anschaut, reflektiert, sich mit anderen austauscht und mit Distanz auf das eigene Verhalten blickt, gewinnt Erfahrung mit hoher Qualität. Dies wirkt auf die eigene Intuition. Das ist aufwendig und kostet viel Zeit.

Wovor haben Sie selbst Angst?

Gewitter im Sommer, Lawinen im Winter – und alle Situationen, auf die ich kein Einfluss nehmen kann. Aber ich bin ganz gut darin, die Angst dann auszuhalten.

Fühlen Sie sich danach gut oder schlecht?

Das Zurückdrängen von Angst ist eine psychische Leistung und in gefährlichen Situationen am Berg eine sehr stimmige Reaktion. Die Erfahrung zu machen, dass man mit Angst umgehen kann, stärkt. So gesehen bin ich danach immer erleichtert. Es gibt aber auch Ereignisse, die akute oder posttraumatische Belastungsreaktionen auslösen. Angst gehört zum Bergsteigen dazu. Und man muss übrigens nicht bergsteigen, um glücklich zu werden.

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| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Was macht Wandern, Bergsteigen, also aktiv in der Natur sein, mit uns? Globetrotter 2021 OuterPeace

By Interview
Interview erschienen in Globetrotter 2021 OuterPeace

Was macht Wandern, Bergsteigen, also aktiv in der Natur sein, mit uns?

Viele von uns erinnern sich gerne an jene Tage zurück, wo wir in der Natur unterwegs waren. Beim Bergsteigen, Wandern, Klettern oder vielleicht auf einer Skitour,  wo es uns gelungen ist, die passende Dosis zu finden. Nicht überfordert und nicht unterfordert gewesen zu sein. Und Abends spürten wir die Anstrengungen,  die müden Muskeln und wir erinnern uns an die Zufriedenheit die unseren Körper durchströmte.
Egal ob beherzte Wanderer:in, motivierte Bergsportler:in oder gelegentliche Spaziergänger:in, Bewegung und Natur tut uns gut. Nichts Neues, weil natürlich.

Seelisches Wohlbefinden wird heutzutage häufig mit Stärkung der Resilienz in Verbindung gebracht. Stärkt das aktive Draußen sein auch unsere Widerstandskraft?
Psychische Gesundheit ist ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und etwas zu ihrer Gemeinschaft beitragen kann.
Auf der einen Seite nehme stressbedingte Erkrankungen dramatisch zu, auf der anderen Seite verfügen Menschen immer weniger über Fähigkeiten und Kompetenzen, um mit Stress umzugehen.

Da man in den Bergen zum Beispiel Ausgleich und realistische Ziele finden kann, stärkt man so auch seine psychische Widerstandsfähigkeit. Dabei sollte man sich von zwei Fragen leiten lassen: „Was tut mir gut?“ und „Für was kann ich mich begeistern?“

Als Psychologe ist dir beim Wandercoaching unter anderem unsere Selbstwirksamkeit wichtig. Inwieweit wird sie denn vom in der Natur sein positiv beeinflusst/verbessert?

Selbstwirksamkeit ist eine wichtige Facette psychischer Gesundheit und wird ausschließlich in konkreten Situationen und mit konkreten Menschen gewonnen, d. h. ich bin in der Lage, die mir wichtigen Dinge durch mein Eigenhandeln auch gegen Widerstände zu erreichen. Das „in die Berge gehen“ bietet genau den Rahmen, um das zu erleben.

Berge sind für mich keine Methode und keine Therapeuten sondern Resonanzraum und ein wundervolles Ambiente für meine Arbeit als Psychologe & Bergführer. Berge sind einfach da!

Muss man dazu immer auf den Berg bzw. in Richtung Grenzen ausloten gehen?

Nicht jeder muss bergsteigen um glücklich zu werden, das klappt auch ganz gut ohne. Ich bin Bergmensch und gehe mit meinen Klienten in die Berge, weil dies mein Arbeitsplatz ist. Ich lote auch keine Grenzen aus, schon gar nicht am Berg. Gleichzeitig findet Persönlichkeitsentwicklung ausserhalb der Komfortzone statt.

Wie und wo findest du deinen (inneren) äußeren Frieden?

Alleine am Berg, umrahmt und eingebettet von viel Natur.

| Pauli Trenkwalder, Berge & Psychologie

Angst und die Dunkelheit. AVS Berge erleben 2020

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Beitrag erschienen in Bergeerleben 03/2020 des Alpenverein Südtirol

Die Psyche und die Nacht am Berg

Stell dir vor, du stehst alleine im Wald. Es ist dunkel und deine Pupillen sind geweitet, um das wenige, noch vorhandene Licht aufzunehmen. Du hast keine Taschenlampe dabei, auch kein Mobiltelefon, um Licht ins Dunkel zu bringen. Wie wird dein Körper und deine Psyche reagieren?

Mit Sicherheit wird dein Sehsinn, der durch die Dunkelheit wenig Information bekommt, vermehrt durch deinen Gehörsinn unterstützt. Auf einmal hörst du mehr und differenzierter als sonst. Du wirst spüren, dass dein ganzer Körper aktionsbereit ist. Deine Muskeln sind angespannt, dein Herz schlägt schneller und du bist bereit wegzulaufen oder anzugreifen.

Denn, was da im Dunkeln hinter dem Busch ist, ist ungewiss. Unsicherheit macht Angst. Die Fantasie ist meist schlimmer als die Realität.

Früher, bei den alten Griechen, war es mit der Angst deutlich einfacher. Da lag die Zuständigkeit für Angst beim Gott des Waldes und der Natur Pan. Ein Mischwesen aus Menschenoberkörper und Ziegenbock. Pan wurde von den Hirten verehrt, lebte im Wald und in den Bergen und liebte die Mittagsruhe. Wenn man ihn zu dieser Stunde störte, so konnte er sehr ungehalten werden und versetzte Schafherden in panischen Schrecken. Daher kommt der Begriff „Panik“ , welcher eine starke intensive Angst beschreibt. Übrigens erfand Pan liebestrunken auch die „Panflöte“.

Zurück in den dunklen Wald und die aufkommende Emotion Angst. Nach den Erklärungen der alten Griechen konnte die körperliche Empfindung und das Wahrnehmen von physischen und psychischen Reaktionen bezüglich Angst und Sorge, nur damit zu tun haben, das hinter irgend einem Busch der Gott Pan lauert. Sonst würde man Angst ja nicht verspüren. Eine hervorragende Idee, Angst auszulagern.

Heute wissen wir, Angst und wie man darauf reagieret und damit umgeht, hat mit einem selbst zu tun.

In der Psychologie gilt die Angst als das am frühesten entwickelte Gefühl. Schon als Säugling, dann als Kleinkind und später als Heranwachsender erleben wir Angst als emotionale Reaktion im Erleben unserer Umwelt und in Beziehung mit unseren Nächsten. Neben der rein existentiellen Angst in gefährlichen Situationen erleben wir schon sehr früh die Angst vor dem Verlust der Bezugsperson und vor dem Verlust der Liebe der Bezugsperson. Im Heranwachsen erfahren wir die Angst vor dem Verlust der Selbstbestimmung und später die Angst vor der Hingabe. Die kindliche Lerngeschichte mit diesen Beziehungsängsten determiniert weitgehend unsere spätere Persönlichkeitsentwicklung. Unser erlernter Umgang im Vermeiden von angstauslösenden Situationen prägt unser habituelles Verhalten im Erwachsenenalter.

Es ist nicht nur die Dunkelheit die uns Angst machen kann. Beim Klettern und Bergsteigen begegnet sie uns immer wieder, sie ist im Hintergrund immer irgendwie dabei. Die Erscheinungsformen und Ausprägungen sind dabei so unterschiedlich wie wir Menschen und unser Tun in der Vertikalen. Der Aspekt der Gefährdung, des Risikos für Leib und Leben produziert Angst. Das Spektrum der Gefahr reicht von echter Todesgefahr, wie etwa beim Soloklettern, bis hin zur rein subjektiven Flugangst beim gut gesicherten Sportklettern. Aber ob Höhenangst oder Todesangst, die tatsächliche Gefährdung hat wenig Einfluss auf unser subjektives Angstgefühl. Die gefühlte Intensität erstreckt sich von leichter Erregung bis hin zur Panikattacke.

Mit Blick auf die Evolutionspsychologie stellt die Nacht eine Gefahr dar, gleichzeitig schütz die Dunkelheit auch. Schon oft erlebte ich sie unterstützend, besonders dann, wenn sie den Blick in die Tiefe versperrt. Manch ein Gast der im Vorfeld voller Sorge auf die bevorstehende Tour war, schilderte mir im Nachhinein, dass er über die Finsternis im Aufstieg froh war. So konnte er den Abgrund nicht sehen und ohne Ablenkung über den Felsgrad klettern.

Der bergsteigende Mensch ist ein erfahrener Experte im Umgang mit Angst und die Zurückdr.ngung derselben. Das Unterdrücken von Angst kostet Kraft und Energie. Letztendlich ist Höhenangst eine biologisch eingeprägte psychische Reaktion und die Angst vor der Dunkelheit wurzelt in unserer Evolution. Diese Ängste haben jeher unser Überleben gesichert.

Wie oft durchschreiten wir die Nacht auf dem Weg zu unserem Bergziel? Es ist der Sternenhimmel, die blaue Stunde und der Sonnenaufgang der uns belohnt. Und wie bei allen Themen im Umgang mit der Angst, sollten wir auf die Dosis achten, der wir uns aussetzen.

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